Facebook sperrt willkürlich linke Aktivisten – Jetzt hat es mich erwischt – Ein Kommentar

Zuerst möchte ich mich für die unglaubliche Solidarität bei den wundervollen Kollegen von Das Siebte Flugblatt und deren unglaublicher Community bedanken. Außerdem haben sehr viele gute Freunde aus der Community in etlichen Gruppen auf das Thema aufmerksam gemacht und ihre Solidarität bekundet. Ich bin unglaublich gerührt und bedanke mich von Herzen dafür, dass ich so vielen in Erinnerung geblieben bin. Das erinnert mich immer wieder aufs Neue daran, wofür wir jeden Tag kämpfen. Ihr seid alle tolle Menschen. Danke!

Quelle: https://www.facebook.com/DasSiebteFlugblatt/
Quelle: https://www.facebook.com/DasSiebteFlugblatt/

Dieser Text berührt mich sehr. Ich stimme auch der Aussage zu, dass Facebook einen rechten Algorithmus fährt. Es gab unabhängig von meinem Fall schon viele andere die ähnliches erlebt haben. Ich selbst habe von viele Leuten aus meiner Community gehört, dass sie inzwischen ihren dritten Account benutzen. Ich wurde oft gefragt, ob ich wieder zurück komme, weil die Seite vom Übermensch.Blog bei Facebook mit knapp 2000 Abonnenten noch existiert, aber gerade nicht benutzt wird. Das Problem ist, dass die Seite über mein Paypal-Konto mit meinem gesperrten Profil verbunden ist. Außerdem ist mein Profil mit Personalausweis verifiziert, was es schwer macht lange mit neuem Profil zu überleben. Ich habe die Administration der Seite vorerst sehr guten FreundInnen übergeben, bis ich eine Lösung gefunden habe. Zumindest habe ich geplant, in naher Zukunft wieder Beiträge auf der Facebook-Seite veröffentlichen.

Es scheint so, als würden gerade international viele Linke Seiten, Gruppen und Aktivisten gesperrt. Die Kollegen von Neues-Deutschland.de haben erst vor kurzen einen sehr interessanten Artikel über dieses Thema geschrieben.

In der letzten Zeit wird viel über das Sperren von rassistischen und antisemitischen Texten bei Facebook, Google und anderen Internetgiganten diskutiert. Weniger bekannt ist hingegen, dass Facebook in den letzten Wochen auch Accounts von linken und libertären Initiativen blockiert hat. So wurden bereits am 20. August die Konten von »Crimethinc« und scheinbar mit diesem nordamerikanischen Kollektiv sympathisierenden Künstler*innen und Autor*innen gesperrt.

Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1141332.crimethinc-facebook-sperrt-linke-accounts.html

und weiter schreiben sie auch

Mittlerweile ist die globale Solidarität mit den von Facebook gesperrten Initiativen, Publizist*innen und Künstler*innen angelaufen. Einen Offenen Brief, in dem diese Maßnahme als Zensur verurteilt wird, haben unter anderem der Linguist und langjährige politische Aktivist Noam Chomsky, das Twitter-Gründungsmitglied Evan Henshaw-Plath, die Whistleblowerin Chelsea Manning und die Schriftsteller*innen Rachel Kushner und Cory Doctorow unterzeichnet. … So wird mit der Facebook-Sperrung radikale Kritik an Polizeigewalt ebenso erschwert wie die Verbreitung antifaschistischer Texte.

Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1141332.crimethinc-facebook-sperrt-linke-accounts.html

Es scheint so, als wären Antifaschisten für Facebook ein Dorn im Auge. Ich habe auch viel über Polizeigewalt in den USA und Deutschland geschrieben. Ich habe meinen gesalzenen Finger in jede Wunde gehalten und ich würde es wieder tun.

Hier mein aktueller Login-Screen bei Facebook. Ich musste meinen Personalausweis schon wieder hochladen, obwohl ich bereits verifiziert war. Facebook rafft echt gar nichts. Das war das einzige was ich als „Widerspruch“ machen konnte: Meinen Perso hochladen.

Mein LoginScreen

Ich bin zur Zeit sehr aktiv auf Twitter. Twitter gefällt mir inzwischen sehr viel besser als Facebook, weil Reichweite durch Hashtags generiert wird. Deine Follower sind zwar auch wichtig, aber wenn du einen guten Beitrag mit einem Trend-Hashtag schreibst, bekommt man eine Menge Reichweite auf den Post. Das Problem ist, dass man sehr schlecht innerhalb von Communities kommunizieren kann. Den Rechten werden ja die selben Trends und Hashtags angezeigt, was dazu führt, dass man immer auch jede Menge Idioten unter seinen Beiträgen hat. Ich empfehle euch trotzdem Twitter mal eine längere Zeit auszuprobieren, es lohnt sich.

Auf Twitter erreicht ihr mich hier.

Schalom,
Schlomo Goldbaum (Felix Jungbluth)

Facebook sperrt willkürlich linke Aktivisten – Jetzt hat es mich erwischt – Ein Kommentar

Lyrische Ergüsse #1

Der Morphinist

Wenn alles schwer und schmerzhaft ist,
Und es dich von innen zerfrisst,
Gibt es einen guten Freund,
Der nicht nur dein‘ Schmerz betäubt,

Er kommt vorbei und bringt es dir,
Dein heiß geliebtes Elexir,
Du brauchst es, denn du bist,
Ein guter Freund vom Morphinist

von Schlomo Goldbaum

Lyrische Ergüsse #1

WDR Talkshow: Corona-Skeptiker unter sich – Ein Kommentar

Die einzigen Menschen die voller Panik, Angst und Verunsicherung sind, sind die, die allen anderen immer vorwerfen, sie würden Panik und Angst verbreiten. Es ist oft so, das man selbst sein blinder Fleck ist – das wird bei diesen Menschen wohl der Fall sein.

Unter der Überschrift „Lockern oder verschärfen?“, lud der WDR am 09.10. Menschen aus der Bevölkerung dazu ein, etwas zur aktuellen Corona-Situation in Deutschland zu sagen. Es wurde niemand vom Sender ausgewählt. Alle teilnehmenden Gäste haben sich freiwillig gemeldet. Das bedeutet natürlich, dass die Menschen die in dieser Sendung sitzen in jedem Fall eine starke Motivation hatten etwas öffentlich kundzutun. Menschen mit Geltungsdrang gibt es zur Zeit viele, aber nur wenige davon tun der Gesellschaft gut. Deshalb ist mir diese Sendung besonders ins Auge gefallen. Schaut selbst, was diese Menschen zu sagen haben.

Quelle, WDR, Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=Xwme36rOoAM

In dieser Sendung sitzt eine bunte Mischung aus Menschen mit relativ gleichen Ansichten. Die Argumentation dieser Leute war meiner Ansicht nach teilweise sehr eindimensional und egozentrisch. Die meisten projizierten ihre eigenen persönlichen Probleme und Erfahrungen auf die gesamte Gesellschaft und das politische Handeln. Jeder wollte die Pandemie-Maßnahmen am liebsten so gestaltet sehen, dass sie einen selbst möglichst wenig einschränkt. „Solidarität für Mitmenschen“ bedeutete für die meisten Teilnehmer dieser Sendung leider „Solidarität für mich“. Selbstverständlich gibt es immer wieder Maßnahmen, Gesetzte und Regelungen die schlecht durchdacht sind und an manchen Stellen Probleme aufweisen, die man anfangs gar nicht auf dem Schirm hatte. Das liegt aber auch daran, dass diese Gesetzte und Maßnehmen teilweise mit der heißen Nadel gestrickt worden sind. Auch die Fachwelt lernt heute noch jeden Tag neues über das Sars-Cov-2 Virus, was bedeutet, dass sich viele Aussagen und Regeln stetig verändern können. All diese Probleme gehören genauso zu den Auswirkungen der Pandemie, wie die Krankheit selbst. Das vergessen viele Menschen, wenn sie über die Maßnahmen schimpfen oder Wissenschaftler diffamieren.

Dann sitzen selbstverständlich auch wieder einige Volldeppen dazwischen, die meinen das Virus und die Pandemie besser einschätzen zu können, als die zuständigen Wissenschaftler. Darunter gab es sogar wieder Kritik an den Masken, was aber auch der Zusammenstellung der Gäste geschuldet ist. Sicherlich waren unter den Gästen auch ein paar heimliche Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker, die sich zurückgehalten haben. Der Applaus an manchen Stellen hat sie aber verraten. Jeder der da saß, musste sich dringend etwas von der Seele reden, dass hat man gemerkt. Es gab auch einige vernünftige Beiträge, die sich gegen die Masken-Gegner stellten. Es waren auch ein paar Beiträge dabei, die sehr berechtigte Kritik an manchen Regelungen und Maßnahmen äußerten, die Menschen teilweise existentiell enorm bedroht haben. Das sind eben die Probleme, die schnellstens von Seiten der Politik verbessert werden müssen. Trotzdem hat es mich ein bisschen beruhigt, dass auch Leute dazwischen waren, die nicht Corona an sich oder die Wissenschaft in Frage stellten. Ziemlich absurd war auch dieser Kardiologe, der wirklich sagte, dass alle existentiell bedrohlichen Maßnahmen mit sofortiger Wirkung aufgehoben werden müssten. Die Menschen sollten das doch alles eigenverantwortlich machen. Das ist schon traurig, wenn ein Arzt sowas sagt und dabei tosenden Applaus bekommt. Ich denke man erkennt an den „Anti-Corona-Demonstrationen“ sehr gut, dass wir sehr wohl Verbote und Maßnahmen benötigen. Ohne Verbote und Maßnahmen, würde sich dieses Virus, durch Millionen ignoranter, dummer und asozialer Menschen, ausbreiten wie Feuer und unzählige Menschen töten.

Diese Sendung entlarvt durch die Beiträge ihrer Gäste aber eine Reihe an anderen grundlegenden Problemen dieser Gesellschaft. Wir pflücken jetzt die überreifen, matschigen Früchte unserer kapitalistischen, neoliberalen Ellenbogengesellschaft, in der nur dein Kontostand zählt. Durch den Jahrzehnte langen, absoluten Leistungsdrang ist jeder nur noch auf sich konzentriert. Der Blick auf die Welt ist bei vielen Menschen stark eingeschränkt und dreht sich ausschließlich um persönliche Probleme. Kaum einer hat mehr Zeit für weltliche und gesellschaftliche Probleme. Sie denken es geht sie nichts an. Wenn eine Gesellschaft dann plötzlich gegenseitig füreinander da sein muss und Solidarität, Respekt und Empathie am meisten gefragt sind, ist das Geschreie vorprogrammiert. Wir sind einfach keine soziale Gesellschaft, auch wenn das häufig behauptet wird. Wenn ein paar tausend Menschen an Corona sterben, ist das vielen Leuten völlig egal. Die entwickeln aus Selbstschutz den Reflex auf Nachfrage sofort alles zu relativieren und andere Tote anzuführen. Das macht natürlich keinen Sinn, aber sich selbst etwas einzugestehen ist sehr viel schwerer. Das können nur die aller wenigsten. Manche Leute vergessen, dass auch sie ein Teil dieser Welt sind und damit automatisch eine Verantwortung für ihre Mitmenschen haben.

Fazit: „Lockern oder verschärfen?“ – Meine Antwort: Weder noch. Es sollte genau das gemacht werden, was wissenschaftlich und medizinisch am sinnvollsten ist. Ich kann das nicht wissen, deshalb höre ich auf das, was die Fachwelt sagt. Das sollten wir alle tun. Die Politiker haben die Aufgabe, die Regeln und Maßnahmen möglichst sozial und ökonomisch verträglich zu gestalten, damit die Kollateralschäden in der Gesellschaft möglichst klein bleiben. Das Bordelle auf haben, während Hörsäle geschlossen sind, macht natürlich keinen Sinn und sorgt für viel Ärger und Wut in der Gesellschaft. Selbstverständlich kann man in Zeiten einer solchen Pandemie nicht jeden komplett zufriedenstellen, aber genau da ist eben gesunder Menschenverstand, Solidarität und Empathie gefragt. Das gesundheitliche Wohl von Mitmenschen steht im absoluten Vordergrund. Wir alle sollten zusammen Ideen Entwickeln wie man diese Pandemie am besten übersteht, ohne sich selbst oder andere dabei in Gefahr zu bringen. Dazu braucht man Empathie, Mitgefühl und Toleranz. Diese Eigenschaften müssen wieder intensiv trainiert, gelehrt und gepredigt werden, so oft es geht. Ich glaube der größte Teil der Menschen in Deutschland ist solidarisch, tolerant und empathisch und akzeptiert alle Maßnahmen und Regeln. Eine Menge Menschen die in dieser Sendung saßen, sollten jedoch auf jeden Fall noch mal darüber nachdenken, was eigentlich ihr wahres Problem ist. Die einzigen Menschen die voller Panik, Angst und Verunsicherung sind, sind die, die allen anderen immer vorwerfen, sie würden Panik und Angst verbreiten. Es ist oft so, das man selbst sein blinder Fleck ist – das wird bei diesen Menschen wohl der Fall sein.

Schön ist auch, dass diese Sendung mal wieder ein Beweis dafür ist, das wir nicht in einer Diktatur leben. Der WDR hat jeden Corona-Kritiker zu Wort kommen lassen. Das wurde sogar in den Kommentaren erwähnt. Sonst ist in den Kommentaren aber leider nur der übliche Internet Aluhut-Schwachsinn zu lesen.

Schalom,
Schlomo Goldbaum

WDR Talkshow: Corona-Skeptiker unter sich – Ein Kommentar

Der tödliche Trott – Eine Erzählung

Gerade als ich eingeschlafen war, klopfte jemand heftig an mein Fenster. Völlig erschrocken schaute ich zum Fenster und sah vier Polizisten im Hinterhof stehen, die mir alle mit ihren Taschenlampen ins Gesicht leuchteten.“

Ich habe unzählige Male versucht diesen Text zu beginnen. Spätestens nach fünf Sätzen habe ich immer wieder alles gelöscht. Ich weiß einfach nicht wie ich anfangen soll. Ich denke das liegt wahrscheinlich daran, dass ich versuche über etwas zu schreiben, von dem ich noch gar nicht weiß, was es sein soll. Unabhängig davon wird dieser Text für mich von großer Bedeutung sein, denn er wird mir vermutlich dabei helfen meine Gefühle und Gedanken besser zu ordnen und zu verstehen. Diese Gefühle und Gedanken umfassen ein für mich existenzielles psychisches Trauma. Ihr werdet sozusagen live dabei sein wie ich meine eigenen traumatischen Gedanken, Gefühle und Bilder in diesen Text projiziere. Ich konfrontiere mich selbst mit meinen Erinnerungen aus schweren Zeiten und schaue was dabei heraus kommt. In erster Linie tue ich das hier für mich. Ich weiß aber auch, dass es da draußen viele Menschen gibt denen es ähnlich geht wie mir. Vielleicht kann ich mit diesem Text andere Menschen mit ähnlichen Biografien inspirieren oder trösten. Vielleicht ist aber auch einfach die Geschichte interessant.

Es geht um meinen ehemaligen guten Freund und Mitbewohner Wilson. Wilson lebt jetzt schon ein paar Jahre nicht mehr. Sein Tod war und ist bis heute ein enorm großer Bestandteil meines Lebens. Ich träume regelmäßig von dem Tag an dem Wilson starb. Ich spüre wie meine Herzfrequenz steigt, wenn ich den plastischen, visuellen Erinnerungen näher komme und versuche sie auszuleuchten um sie detailliert beschreiben zu können. Es fühlt sich so an, als würde sich mein Unterbewusstsein dagegen wehren diese Bilder in meinem Kopf in Worte zu fassen und damit endgültig zu manifestieren. Die traumatischen Erinnerungen an diesen Tag überschatten leider viele andere schöne Erinnerungen an Wilson und unsere Freundschaft. Die schönen Erinnerungen an die Zeit mit Wilson verblassen hinter einem Schleier aus Traurigkeit, Hilflosigkeit und Zorn. Ich werde ein bisschen weiter ausholen müssen, um diese Geschichte in einen nachvollziehbaren Rahmen zu setzen.

Wilson und Ich waren beste Freunde die sich wie ein altes Ehepaar all das gegeben haben, was unser Umfeld uns nicht geben konnte – fehlende Liebe, fehlende Aufmerksamkeit und fehlende Geborgenheit. Wir beide arbeiteten in einem großen Uniklinikum in der Intensiv- und Notfallmedizin. Dauerhafter Schichtdienst und 10-Tage-Turns waren die Regel. Tod, Armut und Schicksal bestimmten unseren Alltag. Unsere Psyche war damals glattgebügelt wie das Sonntagshemd eines bayrischen Pfarrers. Wir waren sehr oft dabei, wenn Menschen durch schreckliche Unglücke oder Krankheiten starben. Sie starben unter unseren Händen und wir retteten sie mit unseren Händen. Mit der Zeit entwickelt man dann zwangsläufig eine Strategie, um in diesem kaputten, ausbeuterischen Gesundheitssystem zu überleben. Jeder entwickelt da seine eigenen Strategien. Natürlich kommen manche mit der Belastung besser klar als andere. Aber schädigen tut dieses turbokapitalistische Gesundheitssystem auf Dauer alle Beteiligten, dass steht fest. Die Patienten leiden teilweise auch unter diesem kaputten Gesundheitssystem – sowohl direkt als auch indirekt. Meine Kollegen waren allesamt psychisch sehr auffällig. Das Arbeitsklima war die reinste Hölle. Alle waren unglaublich unglücklich, gehetzt und voller Ärger. Es gab weder Zusammenhalt noch Teamgeist. Bei uns im Krankenhaus war es wirklich so wie in der Serie „Emergency Room“ – es gab jede Menge Grüppchenbildungen, Zickenkriege, Intrigen, Eifersucht, Neid und Missgunst. Was aber alle gemeinsam hatten, war der unbändige Drang zur Arbeit. Die Diagnose „Workaholic“ hätte ausnahmslos zu jedem der Kollegen gepasst. Jeder wollte jedem zeigen wie hart und gewissenhaft man arbeitet. Wahrscheinlich sehnen sich all diese hart arbeitenden Menschen einfach nur nach Anerkennung, Respekt und Liebe. Sie wollen gesehen werden. In diesen Jobs wird man mit der Zeit zu einem altruistischen Misanthropen. Man möchte die Welt brennen sehen, aber erst wenn kein Patient mehr krank ist und leidet. Das ist ein sehr selbstloses Selbstverständnis, in dass man mit der Zeit hinein wächst. So war es zumindest bei mir. Für mich ist das bis heute eine lobenswerte Eigenschaft. Und darauf bin ich auch heute noch wirklich stolz. Das ist auch der Grund dafür, wieso man die Belegschaft in Krankenhäusern so gut ausbeuten kann. Die Aktionäre die mit Krankenhäusern Geld verdienen, generieren ihre Rendite auf Kosten der Gesundheit von PatientInnen und MitarbeiterInnen.

In den ersten Jahren unserer Freundschaft lebte ich noch mit meiner damaligen Freundin zusammen in einer Wohnung. Das war die Wohnung, in die Wilson später einziehen sollte. Zu der Zeit waren meine Ex und ich auch noch einigermaßen „glücklich“, auch wenn ich damals schon kaum schlafen oder arbeiten konnte ohne Medikamente. Ich hatte schon einige Jahre starke chronische Schmerzen in meinem Unterleib und mein Rücken machte mir auch immer mehr zu schaffen. Oft hatte ich Durchfall oder Verstopfung und manchmal Tage lang heftige Übelkeit und Erbrechen. Meine Krankheiten äußerten sich meistens episodisch in Schüben, die in ihrer Intensität schwankten.
Die Persönlichkeiten von mir und meiner Ex-Freundin Jael waren völlig gegensätzlich. Sie war extrem schüchtern, während ich eher eine Rampensau war. Sie jobbte nur ein bisschen nebenher und hatte viel mehr Freizeit als ich, in der sie viel Sport trieb und ihre Hobbies und Freundschaften pflegte. Sie hatte unglaublich viel Energie und sah nur das Schöne und Bunte im Leben. Alles was sie betrüben könnte lehnte sie ab. Mit Weltschmerz, Politik und Nachrichten wollte Jael nichts zu tun haben. Sie verweigerte sich dem realen Leid dieser Welt. Sie wollte lieber mit Freunden im Park Yoga machen und die Sonne genießen. Spannende Filme oder Serien konnte ich mit Jael auch nie schauen, weil sie dann nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam. Mit der Zeit gerieten wir immer öfter aneinander, weil der Job mich physisch und psychisch immer mehr forderte. Außerdem war ich mein ganzes Leben über ein sehr politischer Mensch mit festen Prinzipien. Jael wollte einfach nie zu irgendwas Stellung beziehen. Sie würde immer den Weg des geringsten Widerstand gehen. Das machte mich manchmal unglaublich wütend. Sie fragte mich nie wie es mir ging und ich konnte ihr auch nie etwas von der Arbeit erzählen, weil sie die schrecklichen Dinge auch nicht hören wollte. Das belastete mich sehr und machte mich immer dünnhäutiger. Das war die Ironie des Lebens – was ich in der Realität erleben musste, war für meine Ex-Freundin schon als Erzählung zu viel.

Je mehr sie und ich uns voneinander entfernten, desto mehr verschmolzen die Herzen von Wilson und mir. Fast immer wenn sich unsere freien Tage oder Feierabende überschnitten, verbrachten wir Zeit miteinander. Obwohl auch Wilson eine Freundin hatte, trafen wir uns, wenn möglich, immer nur zu zweit. Wir behaupteten immer, dass wir einen Männerabend machen würden. Natürlich waren Jael und Lena nicht blöd. Sie spürten, dass wir ihnen aus dem Weg gingen. Es gab immer öfter Streit, der dazu führte, dass wir den beiden Mädels noch mehr aus dem Weg gingen. Unsere Jobs veränderten unsere Persönlichkeiten, ohne das wir selbst irgendetwas bemerkten.

Durch unser medizinisches Fachwissen ergötzen wir uns selbstverständlich regelmäßig an den wunderbaren pharmazeutischen Möglichkeiten der Schmerzunterdrückung und Betäubung. Kurz bevor sich Jael von mir trennte, litt ich bereits, zusätzlich zu meinen chronischen Magen-Darm-Beschwerden, unter starken chronischen Rückenschmerzen die ich relativ häufig nur mit starken opioiden Schmerzmitteln in den Griff bekam. Ich hatte durch die Arbeit keine Zeit mehr für Jiu-Jitsu, was lange Zeit ein sehr guter sportlicher Ausgleich für mich war. Ich schlief im Schnitt auch nur noch maximal vier bis sechs Stunden am Tag. Das schaffte ich meistens aber auch nur mit Hilfe von Schlaftabletten.

An einem Tag entschied sich Jael plötzlich dafür in eine WG zu ihren Freundinnen zu ziehen. Ich wusste, dass sie schon länger diese Gedanken hegte, war aber dennoch ziemlich überrascht das auf einmal alles so schnell ging. Es war natürlich seltsam, dass meine Freundin, mit der ich schon über 5 Jahre zusammen war, lieber bei ihren Freundinnen wohnte als bei mir. Heute erkenne ich natürlich, dass mir schon da hätte klar sein müssen, was bald auf mich zu kommen würde. Ich verdrängte jeden Zweifel und alle schlechten Gedanken und Gefühle wie ich es gewohnt war und konzentrierte mich auf meinen Alltagstrott. Ich hatte keine Zeit für Probleme und schon gar nicht für Emotionen – die machten in der Regel immer alles nur noch komplizierter.

Ich war also noch mit Jael zusammen, wohnte jetzt aber allein in einer viel zu großen Wohnung. Wilson und ich kamen natürlich direkt auf eine geniale Idee: Wir gründeten eine richtig schöne Männer-WG. Ein Traum. Zwei super gute Freunde, im selben Job, in der selben Wohnung. So würden wir zusammen durchs Leben kommen, da waren wir uns sicher.

Die erste Zeit zusammen in der neuen WG gehörte natürlich Wilson und mir. Wir genossen jeden freien Abend zusammen. Wir saßen oft bis spät in die Nacht in meinem Zimmer und schauten zusammen Serien oder hörten Stunden lang Jazz und redeten über Gott und die Welt. Wir genossen die Zweisamkeit, Geborgenheit und Ruhe sehr intensiv. Besonders die Dinge über die wir mir mit niemand anderem reden konnten, besprachen wir sehr ausführlich. Wilson und ich hatten keine Angst davor voreinander Emotionen zu zeigen. So waren wir beide in gewisser Hinsicht voneinander abhängig. Wir hielten uns gegenseitig in der Spur. Es kam öfter vor, dass wir beide auf dem Sofa einschliefen und morgens durch warme Sonnenstrahlen im Gesicht geweckt wurden. Im hellen Licht der morgendlichen Sonne wurde das ganze Elend dann plötzlich wieder sichtbar und spürbar. Die Realität holt einen genauso schnell wieder ein, wie man vor ihr geflüchtet ist. Meine Schmerzen waren sofort wieder da, sowohl physisch als auch psychisch. Bei dem Anblick der Schlaf- und Schmerztabletten, dem vollen Aschenbecher und der fast leeren Whisky Flasche wurden wir beide unsanft daran erinnert, wie schwach und armselig wir doch waren. So stieg das Verlangen nach dem nächsten freien Abend umso mehr. Jetzt musste man einfach nur durchhalten und stark sein, bis man wieder am rettenden Ufer der absoluten Ruhe und Betäubung angekommen war. Duschen gehen, Haare scheiteln, Hemd und Sakko anziehen, Parfum auflegen und ich war wieder der perfekte, fleißige Schwiegersohn. Das ich ohne Schmerzmittel kaum noch arbeiten konnte wusste zum Glück nur ich, sonst hätte meine Maskerade nach Außen hin vielleicht Risse bekommen und davor hatte ich Angst. Schließlich retteten wir in der Klinik regelmäßig Menschenleben oder begleiteten Menschen in den Tod. Ich durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen und meine PatientInnen und KollegInnen im Stich lassen – sonst würde mich der Leistungsdruck dieser Gesellschaft zerfetzen wie ein hungriger Löwe eine lahmende Gazelle. Ich war ja noch so jung. Manche Kollegen lebten schon seit über zehn Jahren in diesem Trott. Ich durfte auf keinen Fall scheitern. Ich wollte nicht wertlos sein. Ich wollte gebraucht werden. Ich lebte im Grunde ausschließlich für den Job und die wenige freie Zeit dazwischen. Ich selbst war mein eigener blinder Fleck. Jael hatte das alles wohl schon viel früher erkannt, wie ich leider sehr überraschend feststellen musste.

Es war ein sehr sonniger Tag, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Wilson und ich hatten beide ein paar Tage frei, die wir wie immer ausgiebig genossen. Tagsüber waren wir beide in unseren Zimmern, als es plötzlich an der Tür klingelte. Ich dachte zuerst, dass das wohl Lena sein würde, denn Jael und ich hatten keine Verabredung an diesem Tag. Ich öffnete also die Haustür und sah Jael vor mir stehen. Ich freute mich natürlich über diesen spontanen Besuch und gab ihr einen flüchtigen Kuss. Dann drehte ich mich schnell um und ging schon mal vor in mein Zimmer, um noch schnell zu lüften und meine Wäsche unters Bett zu schieben. Danach setzte ich mich auf meinen großen Bürostuhl und lächelte freundlich. Jael setzte sich mir gegenüber aufs Bett. Sie schaute mich an ohne etwas zu sagen. Ich konnte einfach nur lächeln, bis ich dann versuchte irgendeinen Smalltalk zu starten, als sie mich plötzlich mitten im Satz unterbrach.

„Ben, es ist aus. Ich beende die Beziehung.“

Wieder schauten wir uns ein paar Sekunden lang schweigend in die Augen. Ich bemerkte wie sich meine Herzfrequenz erhöhte. Mein Gesicht wurde ganz heiß und eine starke Übelkeit stieg in mir auf. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg. Meine Augen wurden wässrig während ich Jael noch immer schweigend in die Augen schaute. Sie saß völlig regungslos da. Ich atmete immer schneller und schneller. Mit jeder Sekunde wurde mir die Endgültigkeit dieser Situation bewusster. Ich liebte diese Frau und hatte sechs Jahre mit ihr verbracht. Sie saß vor mir, wie sie schon unendlich oft vor mir saß, nur diesmal war sie mir eigenartig fremd. Nach ein paar Minuten des Schweigens forderte sie mich dazu auf etwas zu sagen. Ich konnte jedoch nichts sagen. Ich stand auf und deutete mit meiner Hand auf meine Zimmertür. Jetzt bekam auch Jael Tränen in den Augen. Sie stand auf und verließ zum letzten mal die Wohnung in der wir knapp 5 Jahre zusammen lebten. Unsere Beziehung schoss in tausenden Bildern durch meinen Kopf. Aus dem Nichts schlug mir das Schicksal mit einem Baseballschläger in die Magengrube. Ich brach schreiend zusammen und schluchzte wie ein kleines Kind. Die Realität bohrte sich wie eine glühende Speerspitze in meinen Unterleib. Die psychischen Schmerzen waren unerträglich. Ich weiß nicht mehr wie lange ich auf dem Boden lag und schrie, bis es plötzlich an der Tür klopfte und Wilson in meinem Zimmer stand. Er setzte sich zu mir auf den Boden, nahm mich in den Arm und weinte mit mir. Wie Jael gerochen hat weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß noch genau wie Wilson immer gerochen hat. Es war eine Mischung aus Weichspüler und einer bestimmten Pomade vom benachbarten Herrenfriseur, bei dem Wilson Stammkunde war. Es war eine Mischung aus Moschus, Holz und fruchtiger Frische. Wilson war ähnlich eitel wie ich. Wir legten beide großen Wert auf stilvolle Hemden, guten Geruch und gepflegte Haare.

Als ich mich langsam beruhigt hatte, sagte mir Wilson, dass er schon davon gewusst hatte. Jael hatte ihm schon im Vorfeld eine Nachricht geschrieben, mit der dringenden Bitte ein Auge auf mich zu werfen. Sie selbst hatte wohl keine Lust sich Sorgen machen zu müssen. Jael hatte es nicht so mit Verantwortung. Sie hasste Verantwortung. Ich glaube sie hatte ihr ganzes leben über Angst davor wirkliche Verantwortung zu übernehmen. Sie lebt in der Überzeugung, dass man in Beziehungen immer nur ausschließlich für sich selbst Verantwortung übernehmen sollte. Emotionale oder menschliche Verantwortung übernahm sie zumindest kein bisschen. Meine Existenz hatte für Jael ab dem Moment der Trennung, wahrscheinlich schon viel früher, keine Bedeutung mehr. Leider wurde mir erst im Nachhinein klar, dass Jael und ich zwei völlig verschiedene Leben lebten. Trotzdem litt ich unglaublich stark unter dieser Trennung, denn ich liebte diese Frau bedingungslos. Ich isolierte mich fast gänzlich von meinem Umfeld. Das schürte natürlich Sorgen bei Wilson und meinen Eltern, die mich auch recht zügig zur Rede stellten. Es war aber völlig egal was sie sagten, es änderte sich für mich rein gar nichts an der Situation. Ich fühlte mich völlig leer, ausgebrannt und extrem depressiv. Ich hatte ständig suizidale Episoden in denen ich völlig apathisch die ganze Nacht lang an die Decke starrte. Ich tat nichts außer arbeiten und schlafen. Arbeiten und schlafen. Arbeiten und schlafen… immer wieder der selbe Rhythmus. Meine Rückenschmerzen waren zeitweise unerträglich, sodass ich mich mehrere Tage krankschreiben lassen musste. Ich brauchte immer stärkere Schmerzmittel und davon auch immer mehr. Es kam heraus, dass ich inzwischen drei kaputte Bandscheiben hatte, die meine spinal Nerven geschädigt hatten. Das gleiche galt fürs Schlafen – ohne ein Glas Wein und Schlaftabletten kam ich nur selten zur Ruhe. So vergingen einige Wochen in denen Wilson und ich sehr wenig Kontakt hatten, obwohl wir in der gleichen Wohnung lebten. Im Schichtdienst lebt man sehr viel aneinander vorbei, ganz besonders dann, wenn man in entgegenliegenden Schichten arbeitet. Es kam nicht selten vor, dass ich von der Arbeit kam, als Wilson und Lena gerade fröhlich zusammen in der Küche saßen und frühstückten. Ich weiß nicht wieso, aber ich glaube Wilson dachte mir würde die Ruhe und Einsamkeit vielleicht ganz gut tun. Wilson ging es in der Zeit nämlich wirklich gut – so kam es mir zumindest vor. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass Wilson sich unglaublich viel Mühe geben musste um Lena zu gefallen. Und genau das sollte ihm auch noch zum Verhängnis werden.

Wilson und ich waren ja eigentlich wie Brüder die sich in schweren Zeiten gegenseitig Halt gaben. Es waren schon 3 Monate vergangen seit Jael mich verlassen hatte. Die ganze Zeit über hatten Wilson und ich nur wenig miteinander gesprochen. Dementsprechend groß war die Überraschung für mich, als Wilson plötzlich zu mir kam und reden wollte. In einem Gespräch näherten wir beide uns nur sehr langsam an, um sicher zu gehen, dass wir nichts falsches sagten. Wir beide wussten, dass es uns nicht gut ging. Wie meine Intuition mir schon im Vorfeld prophezeite, hatte Wilson Probleme mit Lena. Er hatte das Gefühl, dass Lena in ihm nur einen flüchtigen Partner für zwischendurch sah. Wilson führte Beziehungen genau wie ich – ganz oder gar nicht. Wenn wir unsere Herzen verschenkten, dann endgültig. Wir mussten uns erst ganz sicher sein, bevor wir uns bedingungslos auf jemanden einließen. Ich liebte Jael unendlich doll und Wilson liebte Lena unendlich doll. Wieso mussten wir beiden armen, kleinen, sensiblen Trottel nur so kläglich an unseren Beziehungen scheitern? Diese Fragen stellten wir uns nie bewusst – die Antworten darauf schwebten in luftleeren Kellergewölben unseres Unterbewusstseins. Da gab es inzwischen ein riesiges, verstaubtes Inventar an ungelösten Konflikten, Gefühlen, Erinnerungen und Geheimnissen. Mit jedem Tag wurde dieses Inventar ein bisschen größer und wir einen Tag älter.

Eine Woche nach dem Wilson mir die Beziehungsprobleme mit Lena gebeichtet hatte, bekam ich eine Nachricht. In dieser Nachricht schrieb Wilson mir, dass Lena die Beziehung urplötzlich bei einem Spaziergang beendet hätte. Mir war klar, dass Wilson jetzt auf keinen Fall allein sein sollte, denn er war auch für mich da, als Jael mich verlassen hatte. Ich war inzwischen häufig bei meinen Eltern in meinem Heimatort, weil ich davon ausging, dass Wilson viel mit Lena beschäftigt war. Nach dieser traurigen Nachricht von Wilson stieg ich direkt in mein Auto und raste noch in der selben Nacht über die Autobahn nachhause.

Schon im Treppenhaus konnte ich Wilsons Subwoofer wummern hören. Als ich in die Wohnung kam legte ich nur kurz meine Sachen in mein Zimmer und ging direkt zu Wilson. Ich schlug mehrmals mit der flachen Hand extra laut gegen seine Zimmertür, damit er mich trotz der lauten Musik hören konnte. Plötzlich wurde es leise und ich hörte Schritte auf mich zu kommen. Schlagartig öffnete sich die Tür und der zwei Meter große Wilson fiel mir schluchzend um den Hals. Wir lagen uns in den Armen und genossen den Moment der Zweisamkeit. Es war wie verhext. Erst Jael und dann ein paar Monate später Lena. Jetzt war uns wirklich nichts mehr geblieben als die Arbeit und unsere Freundschaft. Wir versuchten die beiden Mädels möglichst schnell zu vergessen, um wieder ordentlich Energie zu tanken für die Arbeit. Wilson hatte sich dazu entschlossen ein paar Wochen zu seinen Eltern zu fahren und sich zu beruhigen. Ich entschloss mich kurzfristig dazu völlig überteuert, mit einem Sack voll Schmerzmittel, auf die Malediven zu fliegen, wo ich den ganzen Tag betrunken am Strand lag und mir den Rücken von einem Physiotherapeuten massieren ließ. Ich tat damals Dinge für die ich mich heute unendlich schäme. Diese perverse Dekadenz war wohl ein Ausdruck meines Selbsthasses und meiner Hilflosigkeit. Ich verprasste meine letzten Ersparnisse in kürzester Zeit für völlig sinnlosen Mist. Wilson war natürlich immer dabei wenn wir uns an freien Tagen ins Koma feierten. Es wurde wieder alles wie früher, nur das wir jetzt beide single waren. Der selbe Trott. Die meiste Zeit verbrachten wir völlig übermüdet und depressiv bei künstlichem Licht auf der Arbeit im Krankenhaus. Die Arbeit ging damals wie ein Film an mir vorbei. Ich funktionierte wie ein Roboter. Woche für Woche. Ich fühlte nicht eine einzige Emotion. Vor den Patienten und Kollegen spielte ich eine perfekte Rolle. Genauso wie vor Wilson. Ich spielte Emotionen. Manchmal dachte ich mir irgendwelche zwischenmenschlichen Begegnungen aus, damit ich auf der Arbeit was erzählen konnte und mich alle für normal hielten. Wilson und ich hatten uns zwar geschworen aufeinander aufzupassen und füreinander da zu sein, nur waren wir leider beide unfähig über unsere Emotionen zu sprechen. Wir bildeten uns wenigstens ein das wir ehrlich waren. Auf der Arbeit versuchte ich immer stets freundlich und ruhig zu bleiben, auch wenn mal wieder irgendwelche KollegInnen meine Nerven auf die Probe stellten. Es war mir eigentlich alles egal, dass war die Wahrheit. Ich spürte eine unendliche Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Anerkennung und Sinn. In meiner Magengegend war ein schwarzes Loch welches jede Emotion in mir vernichtete. Ich war an einem Moment in meinem Leben angekommen, an dem ich nicht mehr wusste, wofür ich morgens eigentlich noch aufstand. Ich empfand keine Freude mehr und hatte keinerlei schöner Gedanken oder Erinnerungen mehr. Ich wollte eigentlich immer nur schnell ins Bett, wenn ich die Möglichkeit dazu hatte, denn Schlaf war der effektivste weg Zeit zu verbringen ohne dabei fühlen zu müssen. So verbrachte ich Woche um Woche. Vom Bett auf die Arbeit und wieder zurück in mein Bett. Das ging immer so weiter. Die einzige Person in meinem Umfeld war Wilson. Ab und zu liefen wir uns in der Küche über den weg. Wir fragten uns dann immer gegenseitig ob es uns gut ging. Wir belogen uns natürlich und behaupteten es wäre alles okay. Wieso wir das taten weiß ich bis heute noch nicht.

Wilsons Entscheidung

Ich hatte gerade die letzte Nachtschicht von einem zehntägigen Arbeitsturn hinter mir. Es war genau 06:04 Uhr morgens als ich durch die große, automatische Schiebetür das Klinikum verließ. Es war Herbst und noch ziemlich dunkel und kühl. Es war sehr neblig und unglaublich still, fast ein wenig trügerisch. Ich war so müde, dass ich alles leicht unscharf sah. Am Himmel erstrahlte der Mond in hell weißem Licht. Winzige Wolkenfetzen zeichneten zarte Schatten auf den Boden unter meinen Füßen. Ich steckte mir eine Zigarette an, zog einmal kräftig daran und atmete schwerfällig wieder aus. Mir wurde leicht schwindelig vom Nikotin, während ich in der Innentasche meines Jacketts nach meinem Smartphone suchte. Ich schaute einmal kurz auf den Display – keine Nachrichten. Also ging ich zu meinem Auto und fuhr nachhause.

Zuhause war alles ganz still. Um diese Uhrzeit war noch die gesamte Nachbarschaft im Tiefschlaf und Wilson wahrscheinlich auch. Ich putzte mir noch schnell die Zähne, verabreichte mir noch genügend Schmerz- und Schlafmittel, um mich dann endlich in mein warmes, großes Bett zu kuscheln. Ich spürte eine kleine, angehnehme Erleichterung, weil ich wusste, dass ich jetzt erstmal ein paar Tage frei hatte. Ich konnte also völlig sorglos das Handy und den Wecker ausschalten und so lange schlafen wie ich wollte. Als ich die Augen schloss und mir vorstellte wie meine Mutter mir den Kopf streichelt, spürte ich ein warmes Kribbeln meine Wirbelsäule aufsteigen. Ich hatte das Highlight dieser Woche mal wieder erreicht, ohne vorher zu scheitern.

Gerade als ich eingeschlafen war, klopfte jemand heftig an mein Fenster. Völlig erschrocken schaute ich zum Fenster und sah vier Polizisten im Hinterhof stehen, die mir alle mit ihren Taschenlampen ins Gesicht leuchteten. Die Polizisten erklärten mir, dass sie schon ziemlich energisch geklingelt hätten, jedoch niemand aufgemacht hätte. Die Medikamente hatten mich wohl ziemlich tief und fest schlafen lassen. Ich zog mir eine Hose und ein Hemd über und ging zur Haustür. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was die Polizei von mir wollen könnte, hatte ich ein sehr ungutes Gefühl. Es war gerade erst 06:28 morgens, dass musste also schon wichtig sein. Ich schaute nochmal durch den Spion, was ich sonst nie tat und öffnete die Tür. Die Polizisten waren zu viert, was mich auch sehr wunderte. Direkt vor mir standen ein sehr junger Mann in meinem Alter und eine ebenso junge Frau.

„Guten Morgen. Entschuldigen Sie die frühe Störung, aber darf ich fragen wie Sie heißen?“, fragte mich der junge Polizist.
„Mein Name ist Ben Levin Sontheimer. Kann ich Ihnen helfen? Ist was passiert?“
„Wir würden gerne mal mit ihrem Mitbewohner sprechen, den Herrn Wilson Neumann. Ist der da?“, fragte diesmal die junge Polizistin.
„Oha, das weiß ich gar nicht genau. Ich bin selber erst vor ungefähr 30 Minuten von der Arbeit gekommen. Wilson und ich arbeiten beide im Uniklinikum im Schichtdienst, da lebt man manchmal ziemlich aneinander vorbei. Aber wenn er hier ist, schläft er bestimmt. Kommen sie doch bitte rein, ich werde mal bei ihm anklopfen.“
Die beiden Polizisten folgten mir in die Wohnung bis in den Flur vor Wilsons Zimmertür.
„Ich werde mal kräftig klopfen, der schläft immer wie ein Bär“, sagte ich und grinste.
Ich klopfte drei mal kräftig an Wilsons Tür.
„Wilson, steh auf, die Polizei ist da, die wollen mit dir reden.“
Keine Reaktion.
„Ist er vielleicht doch nicht da?“, sagte ich verwundert und öffnete die Tür.
Wilsons Zimmer war sehr dunkel. Ein Polizist leuchtete mit einer Taschenlampe quer durch den Raum bis zum Bett. Ich konnte direkt die Umrisse von Wilsons Oberkörper erkennen. Er lag mit dem Gesicht von uns weg gerichtet. Ich ging ganz langsam auf das Bett zu und sagte dabei immer wieder seinen Namen. Als ich nah genug am Bett war und ihm ins Gesicht schauen konnte, sah ich, dass Wilson jede Menge Schaum vor dem Mund hatte. Von einer Sekunde auf die nächste fing ich an zu schreien. Ich stolperte nach hinten über meine eigenen Füße und fiel in ein Bücherregal. Ich schrie immer wieder Wilsons Namen und schaute die Polizisten panisch in die Augen in der Hoffnung sie könnten irgendetwas machen. Der junge Polizist packte mich fest an den Schultern und schaute mir tief in die Augen.
„Herr Sontheimer! Sie sind der Fachmann, also beruhigen Sie sich jetzt und machen ihren Job bis die Kollegen da sind!“, brüllte der junge Polizist mir ins Gesicht.
Ich beruhigte mich schlagartig und fing sofort an mich auf Wilson zu konzentrieren. Bis auf seine Schuhe hatte Wilson sich nichts ausgezogen bevor er sich ins Bett gelegt hatte. Er lag zufrieden lächelnd, in Embryonalstellung, auf der linken Seite zum Fenster gerichtet. Sein Gesicht war kreidebleich und es stand Schaum vor seinem Mund, was darauf hindeutete, dass schon länger keine Ventilation mehr stattgefunden hat. Als ich an seinem Hals den Puls fühlen wollte, spürte ich, dass er eiskalt war. Ich bewegte seinen Arm und stellte fest, dass schon eine gewisse Rigidität bestand. Mein Verstand sagte mir sofort, dass Wilson schon seit ungefähr 24 Stunden tot sein musste, aber mein Herz rebellierte dagegen.
„Er ist tot, schon länger. Er ist eiskalt. Kein Puls, keine Atmung, Rigidität in allen Extremitäten und es ist riecht nach Stuhl“, fluchte ich schluchzend den Polizisten entgegen. Dann fing ich heftig an zu weinen und brach zusammen. Die Polizistin nahm mich in den Arm und ging mit mir in die Küche wo wir uns an den Esstisch setzten und eine Zigarette nach der anderen rauchten, während der Notarzt und die Kripo kreuz und quer durch die Wohnung rannten und ihren Job machten. Ich redete wohl eine Menge wirres Zeug und fing an zu Hyperventilieren. In meinem Kopf sind ganz viele einzelne Bilder die völlig chaotisch durch mein Bewusstsein flattern. Es fällt mir sehr schwer den Ablauf chronologisch perfekt zu rekonstruieren, was wohl daran liegt, dass ich eine Menge davon bis heute verdrängt hatte.

Wilson hatte sich selbst mit einer Überdosis umgebracht. In seinem Zimmer lagen eine leere Packung Diazepam und eine leere Packung Methadon. Das Krankenhaus hatte die Polizei gerufen, als Wilson den zweiten Tag in Folge nicht zur Arbeit gekommen war. Er war weder erreichbar, noch hatte er sich irgendwo krank gemeldet. Nur einen Raum weiter hatte Wilson sich umgebracht, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen. Er lag tot in seinem Zimmer, während ich am schlafen war. Das ist unglaublich schmerzhaft für mich. Wir hatten uns eigentlich versprochen immer füreinander da zu sein. Noch heute stelle ich mir häufig die Frage, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe. War ich denn wirklich so nutzlos? Wilson hatte wohl nicht das Gefühl, dass ich ihm helfen konnte. Ich habe versagt. Oft spreche ich beim beten zu Wilson. Ich hoffe es geht ihm gut und sein Plan hatte einen Sinn. Trotzdem werde ich nie gänzlich verstehen wieso Wilson das getan hat. Es macht mich traurig, dass er nicht darüber nachgedacht hat mich um Hilfe zu bitten. Ich hätte ihm bei allem geholfen, völlig egal was. Vielleicht hatte er mehr Ärger auf der Arbeit als ich dachte. Vielleicht hielt er auch der hohen Arbeitsbelastung einfach nicht mehr stand. Es gibt unendlich viele ungelöste Fragen und Theorien in meinem Kopf. Ich hoffe ich werde irgendwann meinen Frieden damit schließen können.

Nach Wilsons Tod war ich endgültig völlig allein. Was mir noch blieb war die Arbeit und mein Bett. Ziele hatte ich keine mehr und Emotionen waren mir inzwischen fremd. Wenn ich frei hatte, lag ich durchgängig in meinem Bett und schlief. Wenn ich nicht schlafen konnte, starrte ich an die Decke und dachte an schöne Zeiten mit Wilson. Ich lag auf meinem Bett und führte intensive Gespräche mit Wilson, obwohl dieser nur in meinem Kopf existierte. Das war der einzige „zwischenmenschliche“ Kontakt den ich privat noch hatte.

von Schlomo Goldbaum

Der tödliche Trott – Eine Erzählung

Unfassbar inhumane Aussagen von Innenminister Seehofer: Deutschland nimmt nur 150 Flüchtlinge auf – Ein Kommentar

„Wir sind in einer Welt angekommen, in denen Menschen nur noch als Ballast wahrgenommen werden, außer sie sind vermögend.“

Nach den verheerenden Bränden im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, sind über 13.000 Menschen obdachlos geworden. Darunter sind unzählige Frauen und Kinder, teilweise allein, ohne ihre Familie. Die Zustände in diesem Lager waren schon vor den Bränden sehr schlecht. Seit vier Jahren müssen die Menschen in diesem Lager in Zelten leben, dicht an dicht, mit schlechten, improvisierten sanitären Anlagen und mangelnder medizinischer Versorgung. Seit 2016 werden Flüchtlinge in dieses Lager gesperrt und völlig inhuman behandelt. Für jedes Recht mussten die Lagerbewohner bis jetzt kämpfen. Immer wieder mussten sie mit Revolten, Protesten und Aufständen auf sich aufmerksam machen, in der Hoffnung Europa würde sich der humanitären Katastrophe annehmen. Teilweise lebten in Moria knapp 20.000 Menschen unter völlig inhumanen Bedingungen, ohne Aussicht auf eine positive Zukunft. Eigentlich sollte dieses Lager nur als bürokratisches Auffanglager dienen, um die Asylanträge und andere Papiere zu bearbeiten. Aber selbst dafür mussten die Lagerbewohner demonstrieren gehen. Alle Proteste der völlig machtlosen Flüchtlinge wurden mit roher Polizeigewalt niedergeschlagen. Es starben unzählige Menschen im Rahmen dieser unhaltbaren, unmenschlichen Missstände in Moria.

Im Januar 2020 waren es bereits 19.000. Am 3. Februar 2020 marschierten etwa 2000 Flüchtlinge zum Hafen der Inselhauptstadt Mytilini, forderten die Bearbeitung ihrer Asylanträge und protestierten gegen die Lebensbedingungen im überfüllten Lager. Die Polizei blockierte die Straßen und setzte Tränengas gegen die Demonstranten ein. – Wikipedia.org

Wer gegen hilflose Menschen, die um die Bearbeitung ihrer Anträge bitten, Tränengas einsetzt, sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Meiner Auffassung nach, ist das ein menschenverachtendes Verbrechen, welches bedingungslos bestraft gehört. Unabhängig davon, sind die Zustände aktuell nach den Bränden katastrophal. Hierzu ein kleines Video von den Kollegen des Spiegels, welches gut aufzeigt, wie unmenschlich man mit den Flüchtlingen in Griechenland umgeht.

Quelle: Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=rsCfZEN7VEk

Allein der Umstand, dass es zur Zeit Verhandlungen darüber gibt, wie viele Flüchtlinge in welches Land kommen, beweist mal wieder, wie wenig die Staaten in Europa am Wohlergehen von Menschen interessiert sind. Es ist unfassbar, dass sich unser Innenminister Horst Seehofer dazu durchringt bis zu 150 minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen und dabei so tut, als wäre das völlig normales, humanes vorgehen. Dabei ist das so ziemlich das Schlechteste was ein Land anbieten kann, hinsichtlich der aktuellen Lage in Moria.

Innenminister Horst Seehofer hatte nach dem Brand in Moria angekündigt, bis zu 150 Minderjährige in Deutschland aufzunehmen. – Welt.de

Quelle: Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=61cHhEfdH5M

Wie kann es sein, dass die Aufnahme von nur knapp 20.000 Menschen ein so großes Problem darstellt? In Europa liegen die reichsten Länder der Welt, in denen Menschen in totaler, dekadenter Verschwendung vor sich hin konsumieren, ohne sich ihrer extremen Privilegien bewusst zu sein. Wir sind in einer Welt angekommen, in denen Menschen nur noch als Ballast wahrgenommen werden, außer sie sind vermögend. Das merken nicht nur Flüchtlinge auf der ganzen Welt, sondern auch kranke und schwache Menschen innerhalb der turbokapitalistischen, westlichen Industriestaaten, die unter dem Druck der asozialen, sozialdarwinistischen Leistungsgesellschaft zusammenbrechen.

Der Kapitalismus hat das Mitgefühl und die Nächstenliebe in großen Teilen der europäischen Bevölkerung ausgelöscht. Die Schaltzentralen der Macht in Europa sind zum größten Teil besetzt mit konservativen, neoliberalen, herzlosen Egozentrikern die alle das gleiche Ziel verfolgen: Wachstum. Rendite um jeden Preis – das ist der typische Turbokapitalismus, der Menschen so abhängig von Geld macht, dass es ohne Geld auch keinen Menschen mehr gibt. Unser Innenminister Horst Seehofer hat mit seinen Aussagen bewiesen, dass Deutschland nicht an den Schicksalen der Flüchtlinge interessiert ist. Das ist ein Deutschland von dem ich kein Teil sein möchte und es doch zwangsläufig bin. Menschen wie Horst Seehofer sind die größten Hindernisse auf dem Weg in eine humane, soziale und pluralistische Gesellschaft. Die wirklich wichtigen und dringend nötigen Entwicklungen, von denen die nachkommenden Generationen extrem profitieren könnten, werden von unseren ewiggestrigen, turbokapitalistischen Konservativen einfach nicht angegangen.

Jedes europäische Land, welches nicht ohne zu zögern jeden einzelnen Flüchtling aufnehmen wollte, hat sich damit selbst absolute Unmenschlichkeit attestiert. Ich schäme zutiefst für diese absurden Missstände und bete jede Nacht darum, dass ein Wunder geschieht. Als in Frankreich Notre Dame brannte, gab es sofort viele Spenden in Millionen Höhe, aber wenn es um Flüchtlinge geht, sieht jeder nur die Kosten und nicht die Menschen.

Fazit: Horst Seehofer sollte für dieses inhumane Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden und sofort zurücktreten. Vielleicht hat der Herr Seehofer ja Lust in Lumpen, ohne Essen und sanitäre Anlagen, ein paar Wochen auf der Straße zu leben. Mich ekelt diese inhumane Ignoranz unserer Politiker extrem stark. Es wird mir immer wieder aufs Neue bewusst, wie blind überprivilegierte Menschen eigentlich sind. Der Kapitalismus hat die Empathie in uns Menschen immer mehr verdrängt und durch Egoismus ersetzt. Das hat sich immer mehr zugespitzt, bis heute wie man leider feststellen muss. Ganz Europa und besonders Deutschland mit Horst Seehofer zeigen sich von ihrer absolut schlechtesten und unmenschlichsten Seite. Wenn wir nicht bald auf der gesamten Welt diesen kapitalistischen, faschistoiden Rechtsruck in den Griff bekommen, fahren wir die Welt an die Wand. Denn nicht nur die Menschlichkeit und Empathie fehlt heutzutage in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen, sondern auch gesunder Menschenverstand und Intellekt. Hinsichtlich des Klimawandels, der sozialen Missstände und der anstehenden technologischen Revolution muss noch jede Menge angepasst und verändert werden, um am Ende eine Gesellschaft zu kreieren, in der sich jeder Mensch frei von Existenzängsten seinen Interessen und Talenten widmen kann.

Ich werde für die betroffenen Menschen beten. Ich werde auch dafür beten, dass sich unsere Gesellschaft urplötzlich verändert und endlich sozial und menschlich agiert.

Schalom,
Schlomo Goldbaum

Unfassbar inhumane Aussagen von Innenminister Seehofer: Deutschland nimmt nur 150 Flüchtlinge auf – Ein Kommentar

Belarus: Europa muss kompromisslos gegen Lukaschenko vorgehen – Ein Kommentar

„Wir können nicht immer nur dann Demokratie und Menschenrechte predigen, wenn es uns wirtschaftlich gerade so passt. Die anderen europäischen Länder sind mit Sanktionen gegenüber Weißrussland viel zu zögerlich. Ich stimme der Haltung Litauens hinsichtlich dieser Tatsache absolut zu, denn wir sollten alle möglichen Optionen die wir haben, um Lukaschenko zu schwächen, maximal ausschöpfen, bevor wir an militärische Manöver denken. Eine Diktatur in Europa, im Jahre 2020, ist absolut nicht hinnehmbar.“

[Beitragsbild von Artem Podrez]

Die aktuellen Demonstrationen und Proteste der Bevölkerung in Belarus werden immer zahlreicher und größer. Lukaschenko reagiert mit immer mehr Festnahmen und radikaler Polizeigewalt. Die Menschen überlegen sich immer mehr alternative Arten friedlich zu protestieren. So ist zum Beispiel selbst das Singen in der Öffentlichkeit zur Zeit verboten. Musiker aus einem Theater in Minsk protestieren jetzt regelmäßig, in dem sie an verschiedenen exponierten Stellen in der Öffentlichkeit das inoffizielle Lied der Protestbewegung singen. Egal wo die Musiker ihren Protest veranstalten, sie erhalten überwiegenden Applaus.

(Youtube, DW Deutsch, https://www.youtube.com/watch?v=DG3qtHQ4JLU)

Die gesamte europäische Bevölkerung erlebt zur Zeit den illegalen, korrupten Machterhalt eines größenwahnsinnigen Diktators, der nicht davor zurück schreckt Menschenrechte zu brechen und Gewalt anzuwenden. Proteste in Weißrussland werden zur Zeit auf Befehl Lukaschenkos brutal von der Polizei zerschlagen. Die große Mehrheit der Bevölkerung will den Diktator Lukaschenko, der sich ausschließlich durch Wahlbetrug und Polizeigewalt im Amt hält, seines Amtes entheben. Schon die letzte Wahl war von Lukaschenko illegal manipuliert worden, um seinen Machterhalt zu garantieren. Die Bevölkerung leidet nun unter dem Problem, dass Lukaschenko alle Behörden kontrolliert und dadurch im völligen Alleingang Rechte brechen kann, ohne dass andere staatliche Organe ihn daran hindern könnten. Es herrscht in Belarus zur Zeit keine Gewaltenteilung. Die weißrussische Bevölkerung ist also auf die Hilfe anderer Staaten angewiesen. Alles was sich innerhalb Weißrusslands gegen Lukaschenko aufbäumt, wird direkt verhindert. Oppositionelle werden bedroht, festgenommen oder zur Ausreise gezwungen.

Die belarussische Oppositionspolitikerin Olga Kowalkowa ist nach Polen ausgereist. Vor Journalisten sagte sie, sie sei nach ihrer Festnahme in der vergangenen Woche von belarussischen Sicherheitskräften bedroht und dann zur polnischen Grenze gebracht worden. Laut des belarussischen Internetportals tut.by sei sie von den Behörden in Belarus zur Ausreise gedrängt worden. – Quelle: ZEIT ONLINE, AFP, khe

Demonstranten und Oppositionelle werden vor weiteren Protesten gewarnt und vom Innenministerium eingeschüchtert. Bei jeder Gelegenheit werden Demonstranten festgenommen oder mit brutaler Polizeigewalt bedroht und gefährdet.

Trotz eindringlicher Warnungen haben sich in Minsk wieder Zehntausende Menschen versammelt, um gegen Staatschef Lukaschenko zu protestieren. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. Es gab viele Festnahmen.

Bei den Massenprotesten in Belarus (Weißrussland) gegen den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko hat die Polizei am Sonntag wieder viele Menschen festgenommen. Auf Videos und Fotos war zu sehen, wie Sicherheitskräfte gegen friedliche Demonstranten vorgingen und sie in Polizeibusse zerrten. Vor allem Männer wurden abgeführt. Genaue Zahlen lagen zunächst nicht vor. Das Menschenrechtszentrum Wesna sprach am Nachmittag von mehr als 70 Festnahmen, das Innenministerium zunächst von weniger. – Quelle: t-online.de

Wie ich das sehe, haben wir jetzt ein manifestes Problem in Europa. Die gesamte EU steht selbstverständlich geschlossen gegen das diktatorische Regime von Lukaschenko und hat das auch schon deutlich zum Ausdruck gebracht. Litauen wirft der EU jetzt Untätigkeit vor, weil die Opposition in Belarus wohl zu wenig Hilfe erfahren würde. Die Frage ist, inwiefern man sich eine konkrete Unterstützung der Opposition jetzt vorstellt, denn Putin hat sich hinter den Diktator Lukaschenko gestellt und bietet jetzt auch seine Hilfe an. Russland schickt Propagandisten nach Belarus, die in allen großen Redaktionen installiert worden sind, um kräftig Stimmung für Lukaschenko zu machen. Zusätzlich will Putin im Notfall auch Truppen schicken, die die Polizei in Belarus gegen die eigene Bevölkerung unterstützen sollen. Das würde dann bedeuten, dass Russen nach Belarus kommen, um in offizieller Uniform gegen zivile weißrussische Bevölkerung zu kämpfen. Allein die Vorstellung ist völlig absurd. Mit solchen Mittel kann die EU die Opposition selbstverständlich nicht unterstützen.

Mit der Unterstützung die Putin Lukaschenko anbietet, schüttet er Benzin ins Feuer der Ost-West-Diplomatie. Die Causa Nalwany und die Situation in Belarus treiben zur Zeit einen Keil zwischen den Osten und den Westen.

Die Demokratiebewegung fordert den Rücktritt Lukaschenkos. Ziel der Proteste ist es, die Freilassung von Gefangenen zu erreichen, die Polizeigewalt strafrechtlich verfolgen zu lassen und Neuwahlen zu erwirken.

Die Opposition wirft dem seit 26 Jahren autoritär regierenden Staatschef Wahlbetrug vor, auch die EU erkennt die Wahl nicht an. Litauen und die beiden anderen baltischen EU-Mitglieder Lettland und Estland haben bereits Sanktionen gegen weißrussische Regierungsvertreter verhängt, darunter gegen Lukaschenko. Unterstützt wird der Präsident dagegen von Russland.Der Standard (APA, red, 6.9.2020)

Unabhängig von der Causa Nawalny, muss sich ganz Europa geschlossen gegen die Diktatur Lukaschenkos stellen. Wir können nicht immer nur dann Demokratie und Menschenrechte predigen, wenn es uns wirtschaftlich gerade so passt. Die anderen europäischen Länder sind mit Sanktionen gegenüber Weißrussland viel zu zögerlich. Ich stimme der Haltung Litauens hinsichtlich dieser Tatsache absolut zu, denn es sollten alle möglichen Optionen ausgeschöpft werden, um Lukaschenko zu schwächen, bevor militärische Manöver gefahren werden. Das ständige Säbelrasseln mit militärischen Manövern halte ich für absolut destruktiv. Mir ist bewusst, dass mächtige Menschen an den Spitzen von Staaten nicht zwangsläufig intelligent sein müssen. Ich glaube aber auch, dass es relativ einfach zu verstehen ist, dass militärische Drohungen zwischen dem Osten und Westen absolut fatale und desaströse Folgen auf die gesamte Weltwirtschaft haben könnten. Wenn die EU sich also dazu entscheiden würde Lukaschenko geschlossen militärisch zu bedrohen, würde sich Russland symbolisch hinter Lukaschenko stellen, was in eine Patt-Situation führen würde, mit der keinem Menschen in Belarus geholfen wäre. Es stünden sich dann jede Menge militärische Drohungen gegenüber, die alle diplomatischen Bemühungen zerstören würden.

Deshalb sollte der gesamte Westen Belarus geschlossen sanktionieren und den Druck wirtschaftlich weiter erhöhen, um deutlich zu machen, dass es keine weitere Zusammenarbeit mehr geben wird, solange Lukaschenko noch im Amt ist. Der wirtschaftliche Druck sollte dann so groß werden, dass Lukaschenko Putin um noch mehr Hilfe bitten müsste. Die extremen wirtschaftlichen Nachteile die durch die Sanktionen für Belarus entstünden, würde Russland nicht bezahlen wollen. Ich glaube nicht, dass Putin Lukaschenko bis in den völligen Ruin unterstützen würde. Allein durch die Causa Nawalny ist die Spannung zwischen dem Westen und Russland zur Zeit extrem hoch. Wenn Russland den Diktator Lukaschenko gegen die EU bedingungslos verteidigen würde, hätte das extreme wirtschaftliche Nachteile nicht nur für Belarus sondern auch für Russland. Putin würde Nord Stream 2.0 nicht für Lukaschenkos Machtfantasien opfern. Das milliardenschwere Projekt Nord Stream 2.0 hängt durch die Causa Nawalny sowieso schon am seidenen Faden. Russland hat mit diesem Deal einen wirklich lukrativen Coup gelandet, den bestimmte westliche Länder gerne verhindert hätten. Den USA wäre es wahrscheinlich ganz recht, wenn die Gas-Pipeline von Russland nach Deutschland nicht fertiggestellt werden würde. Die USA befürchten nämlich, dass der Absatz des durch Fracking gewonnenen Flüssiggases einbrechen würde. Es gibt aber auch kritische Stimmen aus Deutschland, die sagen, dass die ökonomische Relevanz von Flüssiggas in Deutschland in den nächsten Jahren sowieso nachlassen wird und sich dieses Projekt deshalb nicht lohnen würde. Andere werfen der Merkel-Regierung vor, dass Nord Stream 2.0 mehr politischen als wirtschaftlichen Charakter hätte. Man würde Putin damit wohl nur ein bisschen bauchpinseln.

Fazit: Am Ende des Tages müssen wir uns alle fragen, ob wir es akzeptieren können, dass in unserer direkten Nachbarschaft in Europa, im Jahre 2020, ein Diktator sein Volk unterdrückt und regelmäßig Menschenrechte bricht. Wie ich weiter oben bereits sagte, können wir nicht immer nur dann Demokratie und Freiheit predigen, wenn es uns gerade passt. Auch wenn es zu wirtschaftlichen Nachteilen und Verhärtungen kommen könnte, müssen wir absolut kompromisslos gegen Lukaschenkos Diktatur vorgehen. Dabei spreche ich nicht von militärischen Drohungen, Manövern oder Machtdemonstrationen.

Dementsprechend positiv sehen viele Schweden die Machtdemonstration ihrer Streitkräfte, so Johan Fredriksson: „Es ist eine außergewöhnliche Maßnahme, die uns daran erinnert, dass die Lage in Belarus nicht nur für die Zukunft von Belarus entscheidend ist, sondern auch für unsere eigene künftige Sicherheit und die ganz Europas.“ – tagesschau.de, Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Auch wenn die Schweden diese Machtdemonstration ihres Militärs gut finden, halte ich diese Reaktionen für nicht konstruktiv und zielführend. Man sollte zwar das Militär in Bereitschaft halten, aber auf keinen Fall irgendwelche militärischen Manöver zur Abschreckung fahren, nur weil Lukaschenko und Putin das auch machen. Es ist eine starke Aussage, wenn man einfach nicht auf solche militärische Provokationen reagiert. Die EU würde damit ihre Ablehnung von Gewalt noch stärker unterstreichen. Man sollte militärische Provokationen einfach immer ins Leere laufen lassen, denn wohin uns diese niemals enden wollende Aufrüstung führen kann, haben wir bereits im kalten Krieg erleben müssen. Lasst Putin und Lukaschenko doch prahlen so viel sie wollen, sie werden wohl kaum einen dritten Weltkrieg auslösen. Der gesamte Westen sollte sich zusammensetzen und einen großen Sanktions-Plan entwerfen, der Belarus wirtschaftlich stark schwächen würde. Die Sanktionen sollten in erster Linie aber ausschließlich Belarus betreffen und nicht Russland, damit die Spannungen in der Causa Nawalny sich nicht mit den Spannungen der Causa Belarus überschneiden. Diesen Plan stellt man Lukaschenko dann vor und setzt ihm eine Frist. Wenn er bis dahin nicht zurückgetreten ist, werden alle Sanktionen in die Realität umgesetzt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Putin Lukaschenko dann wie eine heiße Kartoffel fallen lassen würde.

Schalom,
Schlomo Goldbaum

Belarus: Europa muss kompromisslos gegen Lukaschenko vorgehen – Ein Kommentar

Lisa Eckhart: Schlechtes, antisemitisches Kabarett – Ein Kommentar

„Frau Eckhart ist halt einfach eine schlechte Kabarettistin mit schlechter Selbstwahrnehmung, die es anscheinend nötig hat immer wieder aufs Neue plumpe, politisch inkorrekte Gags zu bringen, um ihr Publikum bei Laune zu halten.“

Das Harbourfront Literatur Festival in Hamburg hat die Kabarettistin Lisa Eckhart aus Sicherheitsgründen wieder ausgeladen. Nach Angaben der Veranstalter gab es zu viele Beschwerden und Drohungen aus der „autonomen Szene“. Die Sicherheit der Künstler könnte man so nicht mehr gewährleisten, denn Polizeischutz käme nicht in Frage.

Der “Nochtspeicher” hatte abgesagt, weil er die Sicherheit von Künstlerin und Publikum angesichts von Drohungen aus der autonomen Szene nicht gewährleisten könne. “Es ist unseres Erachtens sinnlos, eine Veranstaltung anzusetzen, bei der klar ist, dass sie gesprengt werden wird, und sogar Sach- und Personenschäden wahrscheinlich sind”, zitierte der “Spiegel” aus einer Mail des “Nochtspeichers”. Im “bekanntlich höchst linken Viertel” werde eine solche Veranstaltung nicht geduldet, auch an Polizeischutz sei nicht zu denken, weil “die Situation dann sogar noch eskalieren und gar zu Straßenscharmützeln führen” könne. – rnd.de

Lisa Eckhart ist eine österreichische Kabarettistin, die immer wieder durch rassistische, antisemitische, homophobe und sexistische Aussagen negativ auffällt. Sie fällt selbstverständlich nicht bei jedem negativ auf. Es gibt Leute, wie zum Beispiel Dieter Nuhr, oder Gerhard Haase-Hindenberg von der jüdischen Allgemeinen, die Lisa Eckhart verteidigen und nicht verstehen können, dass es so viel negative Kritik gibt. Ich mochte Dieter Nuhr noch nie, und mag ihn jetzt noch weniger. Der liebe Gerhard Haase-Hindenberg von der jüdischen Allgemeinen betrachtet die Kunst von Lisa Eckhart meiner Ansicht nach auf eine ziemlich eindimensionale Art und Weise.

Seit einiger Zeit flattert nun eine extrovertierte Österreicherin, mal im körperbetonten Luxusoutfit, mal halbnackt über Bühnen und Bildschirme, gestikuliert mit dünnen Händen, auf denen bunte Fingernägel kleben, die wie die Krallen eines Raubtieres wirken, und spricht dabei höchst artifiziell solch verschachtelte Sätze wie diesen hier. Political correctness scheint ihr bestenfalls als Begriff bekannt zu sein, und ein definiertes Zielpublikum scheint für sie nicht zu existierten. Das allein ruft schon Gegner auf den Plan. Eine Facebook-Userin findet Lisa Eckhart – so heißt die so umstrittene wie streitbare Kabarettistin – »widerlich und unerträglich blasiert«. Eine andere vermag in ihr einfach nur eine »dämliche Ziege« zu sehen.

Solch subjektive Empfindungen zu artikulieren, ist deren gutes Recht. Lisa Eckharts Zuschauer in den ausverkauften Sälen, in denen sie bis zum Ausbruch der Corona-Krise auftrat, sahen und sehen das naturgemäß anders, und ich gestehe, einer von denen zu sein. Am 24. Januar habe ich im »Tipi am Kanzleramt« eine Künstlerin erlebt, die im bewundernswerten Rollenspiel als Femme fatale ein Feuerwerk an blitzgescheiten Assoziationen über die Rampe schickte, gesellschaftliche Vorurteile allein dadurch entlarvte, dass sie sie überspitzte. – Jüdische Allgemeine, Gerhard Haase-Hindenberg

Erst einmal muss ich gestehen, dass auch ich in Lisa Eckhart keine talentierte Schauspielerin sehe. Bei allem was sie auf der Bühne macht wirkt sie zu bemüht. Sie will eine Kunstfigur sein, die sie nicht sein kann. Ihre extreme Affektiertheit mündet in äußerst übertriebener Gestik die sie mit seltsam tiefer, androgyner Stimme, in seltsamer Intonation, untermalt. Ich würde nicht so weit gehen und sie „widerlich und unerträglich blasiert“ nennen, aber ich finde es wirklich unangenehm ihr beim Spielen zu zusehen. Unabhängig von ihrem Auftreten finde ich sie auch inhaltlich, an meinem kabarettistischen Maßstab gemessen, nicht gut. Frau Eckhart bedient immer wieder stark antisemitische, rassistische, homophobe und sexistische Klischees um zu polarisieren. Abgesehen von diesen unnötigen, politisch inkorrekten Spitzen gegen Juden, Schwarze oder Frauen, passiert meist nicht viel. Ich kann das Harbour Literatur Festival sowieso nicht verstehen. Es gäbe so viele gute Alternativen in Deutschland die man hätte einladen können. Die wären erstmal spielerisch und inhaltlich besser und dazu auch noch frei von Antisemitismus.

Frau Eckhart ist halt einfach eine schlechte Kabarettistin mit schlechter Selbstwahrnehmung, die es anscheinend nötig hat immer wieder aufs Neue plumpe, politisch inkorrekte Gags zu bringen, um ihr Publikum bei Laune zu halten. Ihre Auftritte sind wohl gut besucht. Das Publikum lacht laut und klatscht laut und das bei jeder „Pointe“, egal wie diese zustande gekommen ist. Es wäre gewagt zu behaupten, dass Frau Eckhart vielleicht bewusst im rechten Lager fischt, ähnlich wie der total empörte Dieter Nuhr.

Die Gags die sie erzählt wurden schon tausend mal besser erzählt, von Menschen, die sie auch wirklich erzählen können. Ich denke da an Woody Allen, Shahak Shapira oder Serdar Somuncu, die in ihrem Leben alle antisemitische bzw. rassistische Diskriminierung erleben mussten. Diese Menschen haben das, worüber sie Witze machen, am eigenen Leibe erfahren. Humor ist ihre Strategie mit diesem persönlichen Thema umzugehen. Dadurch ist die moralische Bewertung der politisch inkorrekten Grenzüberschreitung eine völlig andere. Einem Künstler der unter etwas leidet, was eigentlich nicht tolerierbar ist, sei verziehen, wenn er durch etwas nicht tolerierbares darauf aufmerksam macht. Abgesehen davon, hat Lisa Eckhart in ihrer Karriere wahrscheinlich mehr antisemitische Witze erzählt, als Shahak Shapira und Serdar Somuncu zusammen. Und eben da liegt der Hase im Pfeffer.

Hierzu fällt mir ein Zitat von Dr. Gregory House ein: „Maßhalten ist der Schlüssel, außer es schmerzt.“ Damit will ich sagen, dass selbst jüdische Künstler antisemitische Einflüsse sehr bedacht und vor allem an der richtigen Stelle einsetzen. Lisa Eckhart nennt zum Beispiel Schwarze einen ganzen Auftritt lang „Neger“. Das ist wohl ihre Vorstellung von guter, kritischer Satire. Bei Bild-Lesern funktioniert das vielleicht. Stumpfe dauerhafte Geschmacklosigkeiten reichen eben wirklich für manche Leute. Mario Barth hat’s bewiesen. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Lisa Eckhart ist der Mario Barth des Kabaretts.

Außerdem sind Dinge die man sagt und tut schöpferisch, weshalb ich Satire, Kabarett und Kunst generell schlecht finde, die inhumane Inhalte zum falschen Zweck missbraucht. Dieser ganze antisemitische, rassistische und sexistische Mist füttert leider auch immer die falschen Mäuler mit. Allein deshalb ist es immer wichtig, wer die Botschaften sendet und wer sie empfängt. Es gibt eine Menge Leute die sich in ihrer antisemitischen Haltung bestärkt fühlen, wenn sie in einer Show von Lisa Eckhart waren. Mögliche Gedanken nach einer Vorstellung:

„War ja klar, alles Juden die Kinderschänder in Hollywood. Echt heftig, da hat Sie recht, sollte man mal drüber nachdenken. Und sowieso werden immer die Juden so in Schutz genommen. Sie hat so recht.“

Genau solche Dinge passieren eben und das sollte auch Frau Eckhart wissen. Gerade in Zeiten, in denen Menschen zusammen auf die Straße gehen und gegen eine „Zionistisch-Kommunistische-Corona-Diktatur“ demonstrieren. Antisemitische Verschwörungstheorien gedeihen zur Zeit wie Unkraut an jeder Ecke. Auch aus diesem Grund, weil Lisa Eckhart Antisemitismus mit solchen Auftritten fördert, lehne ich ihre Kunst ab und finde es richtig, das der WDR gehandelt hat und ich finde es auch richtig, dass es so viele Beschwerden gab gegen ihren Auftritt in Hamburg. Wirklich bedauerlich ist, dass die Veranstalter Frau Eckhart generell sogar unterstützt hätten und sie jetzt nur ausladen, weil sie ihre Sicherheit nicht gewährleisten könnten. Vielleicht sollten die mal darüber nachdenken, wieso so viele Menschen ein Problem damit haben dass diese Dame da auftritt.

Ich möchte aber betonen, dass ich nicht sage, dass Frau Eckhart eine Antisemitin ist, denn das kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich ist sie einfach nur auf Aufmerksamkeit aus. Ich kann nur beurteilen, dass ihre Kunst meiner Ansicht nach nicht gut ist und zusätzlich leider böse Geister weckt und füttert. Nochmal betonen will ich auch, dass mir die Kunstfreiheit sehr am Herzen liegt. Deshalb haben wir alle zum Glück auch die Freiheit einfach andere Kunst zu genießen und zu fördern. Zum Abschluss möchte ich euch den besten Kabarettisten Deutschlands ans Herz legen. Volker Pispers ist die absolute Oberklasse was Kabarett angeht. Ladet doch lieber ihn ein, statt Frau Eckhart. Volker Pispers hat einen super scharfen, ausgewogenen Blick auf die Welt und zieht seine Zuschauer mit wunderschönen Gegenüberstellungen und Gedankenexperimenten in seinen Bann. Er ist ein Menschenfänger mit einer wunderbaren, eloquenten Sprache. Falls ihr wollte, könnt ihr hier direkt einen Auftritt von ihm genießen.

Am Ende kann ich nur hoffen, dass sich Frau Eckhart inhaltlich um 180° dreht, dann kann ich mir vielleicht nochmal vorstellen meine Meinung über sie zu überdenken. Wenngleich ich nicht glaube, dass ich ihre affektierte Art zu spielen jemals mögen werde.

Schalom,
Schlomo Goldbaum

Lisa Eckhart: Schlechtes, antisemitisches Kabarett – Ein Kommentar

Attila Hildmann feiert Hitler – Über 17.400 Menschen feiern mit – Ein Kommentar

„Von 26.389 Teilnehmern an der Umfrage, finden 66%, dass Angela Merkel schlimmer ist, als Adolf Hitler es war. Das sind 17424 Menschen. Erst als ich das gesehen habe, entschloss ich mich dazu doch einen Beitrag über Hildmann zu schreiben. Denn hochgerechnet auf die 66.000 Gruppenmitglieder, wären das 43.560 Adolf Hitler Fans in Hildmans Telegram-Gruppe. Ich denke, damit ist das Problem erfasst.“

Schon wieder konnte der rechtsradikale, antisemitische Verschwörungstheoretiker Atilla Klaus Peter Hildmann in Berlin am Samstag unter Polizeischutz einen Autokorso veranstalten, um danach eine hetzerische, antisemitische und rechtsradikale Kundgebung abzuhalten. Das macht Hildmann regelmäßig immer wieder an Samstagen. An seinem Auto hängt dann immer eine große Reichskriegsflagge mit dem Spruch „Treue um Treue“, was sehr an den Leitspruch der SS erinnert.

HildmannAuto

Das Ziel des Autokorsos war diesmal der Lustgarten in Berlin, wo Atilla Klaus Peter Hildmann dann wie jedesmal seine hetzerischen, rechtsradikalen, verschwörerischen und antisemitischen Reden hält. Unter anderem drohte Hildmann, falls er einmal Reichskanzler sein sollte, dass er Volker Beck zum Tode verurteilen würde, durch Tritte in seinen Intimbereich. Noch dazu behauptete er auf mehreren Kundgebungen direkt vor der Polizei, das Adolf Hitler ein Segen für Deutschland war im Gegensatz zu der kommunistischen Angela Merkel.

„Auf der Kundgebung mit etwa 150 Anhängern sagte Hildmann öffentlich, „wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz.“ Auf via Twitter und im Internet verbreiteten Videos unter anderem vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) und dem Zentrum demokratischer Widerspruch (democ) ist zu hören und zu sehen, wie das Publikum Hildmann lautstark zustimmt.“ – rbb24.de

Zusätzlich setzte Hildmann auf Youtube und seinen Kundgebungen Kopfgelder auf Leute aus, die wohl anscheinend aus der AntiFa-Szene stammen sollen und mutmaßlich seinen Laden beschmiert hätten.

Nachdem Hildmann zuletzt Kopfgelder auf Hinweise zu Personen, die er der Antifa-Szene zurechnet, ausgesetzt hatte, waren mehrere Strafanzeigen bei der Polizei Brandenburg eingegangen, wie diese auf Twitter bestätigte: „Eine Strafbarkeit wurde bisher durch die Staatsanwaltschaft verneint“, heiß es; die Ermittlungen würden aber weiterlaufen. – taz.de

Ich verlinke euch hier einmal zwei kurze Videos von den oben bereits genannten Organisationen „Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA)“ und dem „Zentrum demokratischer Widerspruch (democ)“. Trotz starker antisemitischer und hetzerischer Bedrohungen und Beleidigungen von rechtsradikalen Teilnehmern, haben es die JFDA und democ. dennoch geschafft diese Videos aufzuzeichnen:

und

In einer Telegram Gruppe mit über 66.000 Teilnehmern schreibt Hildmann ununterbrochen den ganzen Tag sehr viele Nachrichten, die völlig wirre Verschwörungstheorien und jede Menge rechtsradikales Gedankengut beinhalten. Er nutzt die Gruppe auch willkürlich gegen alles, was er boykottieren möchte. Er führt seine eigene kleine Nazi-Armee über Telegram. Was mir wirklich Sorgen bereitet, ist eine Umfrage, die Hildmann selbst in seiner Gruppe initiiert hat. Hier ein Screenshot davon:

HitlerbesserMerkel

Von 26.389 Teilnehmern an der Umfrage, finden 66%, dass Angela Merkel schlimmer ist, als Adolf Hitler es war. Das sind 17424 Menschen. Erst als ich das gesehen habe, entschloss ich mich dazu doch einen Beitrag über Hildmann zu schreiben. Denn hochgerechnet auf die 66.000 Gruppenmitglieder, wären das 43.560 Adolf Hitler Fans in Hildmanns Telegram-Gruppe. Ich denke damit ist die Spannweite des Problems erfasst. Die Staatsanwaltschaft sollte dringend einschreiten und dem Nazi-Spuk ein Ende setzen, bevor Hildmann seine Gewaltandrohungen in die Tat umsetzt. Wenn man die Texte von Hildmann, die er im Minutentakt in seiner Telegram-Gruppe postet, liest, hat man sofort das Gefühl, das da jemand schreibt, der psychisch nicht ganz gesund ist. Meiner Meinung nach ist Hildmann durch seinen unklaren psychischen Gesundheitszustand eine tickende Zeitbombe. Falls er wirklich an einer unerkannten psychischen Krankheit leidet, könnte eine vermeintliche Verhaftung in völliger Eskalation enden. Ein mutmaßlich paranoider Psychotiker, der im Krieg ist mit der gesamten Welt, ist durch Logik und Gesetzte nur schwer aufzuhalten. Hildmann selbst hat bereits gesagt, dass er sich auf den Krieg gegen die „Kommunisten“ und „Bolschewiken“ der Merkel-Regierung vorbereitet hat.

Unglaublich ist auch, was er über den 1. Weltkrieg sagt.

DeutschlandVerrat

Das ganze garniert der rechtsradikale Vegan-Koch mit jeder Menge antisemitischer und verschwörungstheoretischer Kirschen, die ich euch selbstverständlich nicht vorenthalten möchte.

Meiner Meinung nach hat Atilla Klaus Peter Hildmann schon längst die Grenzen des rechtlich und menschlich Hinnehmbaren überschritten. Ich denke, das viele seiner Aussagen, sowohl online als auch offline auf den Kundgebungen, juristisch relevant sind. Zum Glück gibt es ja, wie oben bereits berichtet, jede Menge Anzeigen gegen Hildmann, die signalisieren, dass sich viele Menschen das nicht mehr gefallen lassen wollen. Die Beweise werden immer mehr und die Kundgebungen von Hildmann auch. Es ist unglaublich, dass die Staatsanwaltschaft so lange dabei zuschaut, wie jemand Hitler öffentlich feiert und den Holocaust relativiert. Ich könnte verstehen, wenn die Staatsanwaltschaft erst noch weiter sammeln möchte für ein starkes Urteil, jedoch denke ich, dass die Auswirkungen auf die rechte Szene zu hoch sind, um noch länger zu warten. Noch dazu hat Hildmann jede Menge Journalisten bedroht und beleidigt. Darunter auch das jüdische Forum. Was die Staatsanwaltschaft dazu sagt ist meiner Auffassung nach eine Farce.

Hildmann hetzte zudem gegen eine „gleichgeschaltete rote Presse“. Aggressive Anhänger*innen störten die Berichterstattung unabhängiger Pressevertreter*innen, etwa vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus und dem Zentrum Demokratischer Widerspruch (democ). Ein Eingreifen der Polizei zum Schutz der Pressefreiheit blieb aus. Bereits Ende Juni waren Journalist*innen durch Hildmann und weitere Teilnehmer*innen derart massiv bedroht und bedrängt worden, dass sie ihre Arbeit abbrechen mussten. – taz.de

Wenn die Staatsanwaltschaft und die Polizei nicht langsam in Wallung kommt, um die Pressefreiheit und die Sicherheit der deutschen BürgerInnen zu schützen, werden aus ca. 43.000 Hitler-Fans langsam und allmählich immer mehr, bis Hildmann eine paramilitärische Nazi-Horde aufgebaut hat, die nur darauf wartet sich mit dem deutschen Staat gewaltsam auseinander zu setzen. Fehlen der Bundeswehr nicht 60.000 Schuss Munition? Und was war bzw. ist da los mit der Polizei in Sachsen? Ein kleines Zitat aus einem Artikel vom MDR.

Die mutmaßlich rechtsextremistische Gruppe „Nordkreuz“ aus Mecklenburg-Vorpommern soll Hunderte Morde geplant haben. Bei Durchsuchungen im Sommer 2019 waren beim Anführer der Gruppe, einem ehemaligen SEK-Beamten, Waffen und über 50.000 Schuss Munition gefunden worden. Zum Teil stammte diese aus Beständen von Polizeibehörden aus Sachsen und anderen Bundesländern. Wie die Munition dorthin gelangt ist, ist bisher unklar. Und sie wurde offenbar nicht einmal vermisst. – mdr.de

Fazit: Wir haben in Deutschland ein seit Jahren immer stärker werdendes Problem mit Rechtsradikalismus, Antisemitismus und strukturellem Rassismus in der Bevölkerung und leider auch in den Behörden, der Justiz, der Politik und der Exekutive. Die AfD freut sich über Leute wie Hildmann, denn der sorgt für noch mehr Wähler, die den etablierten Parteien einfach nur Schaden wollen, ohne weiter über die Konsequenzen nachzudenken. Die Konservativen der CDU/CSU und FDP fliegen sowieso in einer anderen Realität, denn die wollen den Verfassungsschutz am liebsten dauerhaft auf den, offensichtlich kaum vorhandenen, „Linksradikalismus“ in Deutschland ansetzen. Das nenne ich eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Verfassungsschutz, während mitten in Berlin, im Jahre 2020, eine Horde Nazis in der Öffentlichkeit, unter Polizeischutz, Hitler feiert. Hildmann ist nur einer der rechten Clowns in der gesamten rechten Szene, der jedoch zur Zeit großen Einfluss hat auf viele Rechte in Deutschland. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Nazis sich freuen, dass es endlich wieder jemanden gibt, dem sie blind folgen können. Dabei ist Hildmann nicht mal ein guter Rhetoriker bzw. Redner. Er brüllt einfach nur viel Unsinn und wiederholt diesen immer wieder.

Was muss also noch alles passieren, bis die Regierung endlich erkennt, wie groß das Rechtsradikalismus-Problem in Deutschland wirklich ist? Wir stark muss der Antisemitismus noch werden? Wie viele Todesdrohungen müssen Politiker noch bekommen? Sollen noch mehr Attentate auf Synagogen oder Moscheen geschehen? Es reicht!

Schalom,
Schlomo Goldbaum

Attila Hildmann feiert Hitler – Über 17.400 Menschen feiern mit – Ein Kommentar

Mitgliederentscheid: Bundesvorstand der Linken bittet Mitglieder gegen ein BGE zu stimmen – Parteichefin Kipping kämpft für ein BGE – Ein Kommentar

„Die Zukunft bringt den absoluten Traum der Linken eigentlich mit sich, dass müssen nur noch alle verstehen. Die Roboter arbeiten und das Volk tanzt. Das ist natürlich übertrieben gesagt, aber ihr versteht was ich meine. Eine Linke die an Leistungs- und Lohnarbeits-Tugenden festhält wie die CDU/CSU ist mir suspekt.“

Am Samstag hat sich der Bundesvorstand der Linken für einen Mitgliederentscheid zum Thema „bedinungsloses Grundeinkommen“ ausgesprochen. Als ich das gehört habe, dachte ich zuerst: Yes! Es läuft, jetzt nehmen sie endlich das bGE offiziell mit ins Parteiprogramm. Aber ich wurde dann leider doch noch extrem enttäuscht und geschockt.

Der Bundesvorstand hat gleichzeitig alle Mitglieder darum gebeten, mit „Nein“ abzustimmen. Das ist kein Scherz. Das eigentliche Interesse des Vorstandes ist es also, dass bGE los zu werden, solange es noch geht. Wahrscheinlich haben sich ein paar Alt-Linke im Vorstand gedacht, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Mehrheit gegen ein bGE mit jedem Tag geringer wird. Für mich ist nicht klar, wie man gegen ein bGE sein kann, aber mir ist klar, dass es bestimmt eine Menge Leute in der Linken gibt, die man noch überzeugen könnte. Hinsichtlich dessen finde ich, dass es ein Skandal ist, dass der Bundesvorstand eine Abstimmung erhebt und gleichzeitig die Wähler dazu aufruft, tendenziell abzustimmen. Das ist meiner Meinung nach Wahlbetrug und Beeinflussung gröbster Art.

Hier der Link zu Artikel vom RND zum Mitgliederentscheid der Linken.

Noch schlimmer ist, dass sich die Parteichefin Katja Kipping für ein bGE ausspricht. Also versteht mich nicht falsch, es ist gut, dass sie sich für ein bGE einsetzt, aber der Fakt, dass der Bundesvorstand der Linken gegen die eigene Parteichefin arbeitet, lässt doch sehr tief blicken. Ich wäre an Kippings Stelle ganz schön genervt.

“Mit einer Entscheidung, die öffentlich als ein Nein zum Grundeinkommen gewertet würde, würden wir uns im Gegensatz zu über 70 Prozent unserer Wähler*innen stellen. Für viele steht das Grundeinkommen stellvertretend für eine zeitgemäße soziale Sicherung. Ein Nein beim Mitgliederentscheid, ganz gleich, wie gut es begründet ist, wird kommunikativ als Nein zur neuen sozialen Idee gewertet. Ein Ja kann im Wahlkampf zusätzlich mobilisieren.” – Katja Kipping, Parteichefin Die Linke

Wahrscheinlich ist es nötig die alte, verstaubte, opportunistische Linke programmatisch zu erneuern und personell neu zu besetzen. Ich habe häufig das Gefühl, dass sich viele Politiker damit schwer tun zu verstehen, dass wir in der Zukunft nicht mehr in einer Welt leben, in der es nur noch um stumpfe Lohnarbeit und Vollbeschäftigung geht. In der Zukunft wird es darum gehen, die Menschen sinnvoll zu beschäftigen und gleichzeitig sozial abzusichern. In naher Zukunft werden 45% der heutigen Arbeitsplätze durch künstliche Intelligenz ersetzt. Und das ist mega gut!

Die Zukunft bringt den absoluten Traum der Linken eigentlich mit sich, dass müssen nur noch alle verstehen. Die Roboter arbeiten und das Volk tanzt. Das ist natürlich übertrieben gesagt, aber ihr versteht was ich meine. Eine Linke die an Leistungs- und Lohnarbeits-Tugenden festhält wie die CDU/CSU ist mir suspekt. Es kann doch nicht immer nur um Leistung und Vergütung gehen – dachte ich zumindest. Anscheinend schwelgen die Alt-Linken immer noch in den Erinnerungen der 80er und 90er, weit vor Agenda 2010, wo die Gehälter der Arbeiterklasse noch gut waren und auch ein Handwerker sich ein Haus bauen konnte. Das ist doch Käse.

Wir müssen in die Zukunft schauen und uns selbst das perfekte bGE erschaffen. Darum geht es ja. Die Linke sollte sich zur Aufgabe machen, ein perfektes System rund um ein bGE aufzubauen, damit uns nicht irgendwelche neoliberalen Turbokapitalisten aus dem Silicon Valley zuvor kommen. Denn man kann ein bGE absolut falsch einführen, weshalb es umso wichtiger ist, dass wir das nicht anderen Parteien überlassen. Katja Kipping begeistert mich mit ihren Ansichten zum bGE wirklich sehr. Sie hat verstanden, dass ein neues Zeitalter auf uns zu kommt, in dem wir eine neue soziale Absicherung benötigen werden.

Fazit: Das bGE wird kommen. Im gesamten, großen Westen. Bei manchen früher, bei anderen später, aber am Ende wird sich das bGE durchgesetzt haben. Kipping und viele andere Linke in Deutschland haben das verstanden, der Bundesvorstand der Linken anscheinend nicht. Die Linke sollte sich schleungist zusammen tun und auf ein bGE einigen, damit wir stark in die Zukunft starten können, mit vielen guten Ideen zum bGE!

Schalom,
Schlomo Goldbaum

Mitgliederentscheid: Bundesvorstand der Linken bittet Mitglieder gegen ein BGE zu stimmen – Parteichefin Kipping kämpft für ein BGE – Ein Kommentar

USA: Polizeigewalt, Rassismus und Chaos – Ein Kommentar

„Wie es scheint, ist selbst manchen Konservativen langsam klar geworden, dass Trump ein Kind im Körper eines Opa’s ist.“

In den USA herrscht absoluter Ausnahmezustand. Die Menschen sind schockiert über den offensichtlichen Mord der Polizei an George Floyd. Das Verhalten der Justiz direkt nach dem Geschehen war entsetzlich inhuman und rassistisch. Ein Gutachter hätte „festgestellt“, dass Floyd ein schon vorher beeinträchtigtes Herz hatte, welches wohl genau in der Situation den Tod bedingte. Weiterhin stand in dem Gutachten, dass Floyd höchstwahrscheinlich Drogen im Blut hatte die den Tod auch beeinflussen könnten. Die Familie Floyds beauftragte darauf hin selbst einen Gutachter, der zu dem Ergebnis kam, dass Floyd durch heftige Gewalteinwirkung über längere Zeit im Hals- und Nackenbereich gestorben ist. Wenn man sich dieses Video anschaut, erkennt man sofort, dass auch ein Laie zu dieser Diagnose kommen kann. Diese Polizisten sitzen mit den Knien zu viert und zu dritt auf einem regungslosen Mann der auf der Straße liegt. Minuten lang drücken Sie ihm mit dem Knie am Hals die Atmenwege zu, bis er erstickt. Wahrscheinlich war George Floyd schon sehr schnell ohnmächtig, weil der Hals eine sehr empfindliche Stelle des Körpers ist. Dieses Video dokumentiert also einen klaren Mord der Polizei an einem Bürger. So mündet die Polizeigewalt durch Rassismus in Mord.

Hier ein Auszug aus einem Artikel von Merkur.de:

Nach dem Tod von George Floyd gab es eine Autopsie. Die Untersuchung der Gerichtsmedizin fand damals keine Beweise dafür, dass er erstickt oder erwürgt wurde – was der Blick in das von der Tat veröffentlichte Video aber nahelegen würde. Die Gerichtsmedizin – und damit die offizielle Autopsie und Grundlage der Anklage – sah es als erwiesen an, dass Floyd gesundheitliche Probleme – eine Erkrankung der Herzkranzgefäße und Bluthochdruck – hatte, sowie unter Rauschmitteln gestanden sei. In Verbindung mit dem Festhalten bei der Festnahme sei es zum Tod gekommen.

Floyds Familie wies die Ergebnisse dieser Autopsie zurück – unter anderem mit Verweis darauf, dass Floyd nicht an Erkrankungen gelitten habe. Sie beauftragten einen anderen Gerichtsmediziner mit einerneuen Autopsie.

Und diese brachte tatsächlich ein völlig anderes Ergebnis: Laut Anwalt Ben Crump sei „Erstickung durch anhaltenden Druck“ als Todesursache festgestellt worden. Die Obduktion der unabhängigen Gerichtsmediziner habe ergeben, dass Druck auf Floyds Nacken die „Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen“ habe, während gleichzeitig der Druck auf Floyds Rücken eine „Ausweitung der Lunge verhindert“ habe.

Für die Anklage hätte das weitreichende Folgen – der Vorwurf des Totschlags dürfte dann wohl nicht mehr zu halten sein, die Anklage müsste eher auf Mord lauten. Und auch die drei anderen an der Tat beteiligten Polizisten, die sich teilweise auf den Rücken gekniet hatten, dürften dann mit anderen Konsequenzen zu rechnen haben.

Es ist absolut erbärmlich und unmenschlich, wie Trump versucht seine faschistischen Verbrecher-Polizisten zu schützen. Erst jetzt, viele Tage nach dem Mord, wird dem verantwortlichen Polizisten Mord 2. Grades vorgeworfen. Auch das ist natürlich völliger Unsinn, denn dieser Polizist saß ja bewusst Minuten lang auf dem Hals von George Floyd. Ein schwarzer Polizist würde für die gleiche Tat höchstwahrscheinlich direkt Lebenslänglich bekommen.

Die USA sind völlig gespalten. Die einen lieben Trump und warten darauf ihrem Führer durch Waffengewalt und Revolution endlich zur Macht zu verhelfen, um dann eine Turbokapitalistische-Asoziale-Redneck-Konsum-Diktatur einzuführen. Und die anderen sind eben ganz normale Menschen wie du und ich, die sich einfach nur den gesunden Menschenverstand vermissen. Zivilcourage, Nächstenliebe, Gemeinwohl und Toleranz sind humanistische Grundprinzipien, die man man heute nicht erfährt. All diese Prinzipien sind leider sowieso nicht kompatibel mit einer Kapital orientierten, neoliberalen Wachstums-Ökonomie, die in den USA schon immer in perverser Perfektion angewendet worden ist.

Trump hat also unendlich viele Feinde und unendlich viele wahnsinnige Freunde mit Waffen. Noch dazu hat er sich in der Öffentlichkeit eindeutig radikalisiert. Trump hat damit gedroht das er auch das Militär gegen Demonstranten in Washington anwenden würde, falls die Ausschreitungen zu groß werden. Wenn ein Präsident dazu bereit ist das Militär gegen sein eigenes Volk einzusetzen, kann man sehr wohl davon ausgehen, dass der Präsident ein Extremist ist.

Auszug aus einem Artikel der faz.de:

Trump hatte am Montag angekündigt, „abertausende“ Soldaten des Militärs einzusetzen, um Ausschreitungen am Rande der friedlichen Proteste zu beenden.

Die Situation in den USA ist also extrem explosiv. Es gibt jetzt zwei Seiten. Die Einen sind auf der Seite von Trump und die Anderen eben nicht. Das Explosive dabei ist, dass sich  inzwischen mehrere mächtige Republikaner in verschiedenen Ämtern gegen Trump’s Aussagen und Aktionen ausgesprochen haben. Wie es scheint, ist selbst manchen Konservativen langsam klar geworden, dass Trump ein Kind im Körper eines Opa’s ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es inzwischen eine Mehrheit in den USA gegen Trump geben könnte, wenn sich jetzt im Verlauf noch mehr Prominente Stimmen gegen Trump wenden. Die Stimmung gegen Trump könnte noch größer werden, was den Demokraten politisch natürlich extrem hilft, gerade in Bezug auf die nächsten Wahlen. Wenn Trump merkt, dass es ihm langsam an den Kragen geht und die Stimmung kippt, wird er noch mehr provozieren als er es sowieso schon tut. Und da ist der K(n)ackpunkt.

Wenn sich die Stimmung gegen Trump in naher Zukunft noch größer werden sollte, wäre ja abzusehen, dass Trump die nächste Wahl wohl eher nicht gewinnen dürfte. Was würde dann passieren? Wenn Trump die nächste Wahl nicht gewinnt, wäre das ein harter Schlag gegen den Konservatismus und den Kapitalismus in den USA und es wäre gleichzeitig ein riesiger humanistischer Fortschritt in einem Land ohne Grundsicherung und gesetzlicher Krankenversicherung. 

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Spannungen in den USA nicht zwangsläufig zu einem Bürgerkrieg führen. Es herrscht ja völliges Durcheinander, besonders in den Entscheidungsebenen. Viele Generäle, Gouverneure, Minister und Polizeichefs sind Trump gegenüber inzwischen sehr kritisch. Besonders die demokratisch regierten Staaten in den USA sind völlig perplex und erschrocken über den gefährlichen Schwachsinn, den der Präsident fast täglich von sich gibt. Selbst alte, konservative Republikaner haben sich inzwischen gegen Trump ausgesprochen.

Kritik von prominenten Republikanern – Trumps Schutzmauer bekommt gefährliche Risse. Bislang hielt der Wall, den Trump um sich und die Republikaner im Kongress errichtet hat. Doch die Kritik am Präsidenten wird lauter und heftiger. Eine Analyse von Malte Lehming.“ – Ein guter Artikel von Tagesspiegel.de

Hier ein Auszug daraus:

Einen Tag später gingen gleich zwei Verteidigungsminister – ein ehemaliger, James Mattis, und der amtierende, Mark Esper – auf Abstand zu Trump. Mattis, der Trump zwei Jahre lang treu gedient hatte, äußerte sich scharf und pointiert über „drei Jahre ohne reife Führung“, der Auftritt des Präsidenten vor der Kirche sei ein „Missbrauch der Regierungsmacht“.

Esper war im Ton zwar konzilianter, in der Sache aber glasklar: Die Streitkräfte des Landes im Zuge der Proteste wegen des Todes von George Floyd einzusetzen, sei derzeit durch nichts zu rechtfertigen. Unterstützt wurde Esper von einer Gruppe ehemaliger hochrangiger Veteranen und Sicherheitsexperten. Außerdem meldeten sich alle noch lebenden Ex-US-Präsidenten zu Wort.

Ein Appell an alle Polizisten in den USA die noch Anstand und Empathie besitzen: Legt eure Waffen nieder und nehmt die Demonstranten an die Hand. Alle Menschen gehen dann Hand in Hand und lassen sich nicht von irgendwelchen Spinnern die Nächstenliebe und den Anstand rauben.

Wie wird es weiter gehen? Was wird Trump jetzt machen, und kann sich das Blatt auch gegen ihn wenden?

Schalom,
Schlomo Goldbaum

USA: Polizeigewalt, Rassismus und Chaos – Ein Kommentar