Sahra Wagenknecht: Eine lupenreine Rechtspopulistin – Ein Kommentar

Vor kurzem erreichte mich das neue Buch „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht. Offensichtlich dachte sich Frau Wagenknecht, es wäre eine gute Idee, im Superwahljahr 2021, ein Buch zu schreiben, in dem sie mit pauschalen Rundumschlägen, falschen Annahmen und kruden Behauptungen über ihre Genoss*Innen, die gesamte linke Community in “Lifestyle-Linke” und “echte Linke” spaltet.

Ich selbst bin Mitglied der Linken und fühle mich von Frau Wagenknecht durchaus angesprochen, beleidigt und diskreditiert. Es wird dringend Zeit mal ein paar Dinge klarzustellen.

Bereits das Inhaltsverzeichnis entfachte böse Vorahnungen in mir, denn Überschriften wie „Das Märchen vom rechten Zeitgeist„, „Was früher besser war„, „Kein Zurück zum Nationalstaat?“ oder „Nationalstaat und Wir-Gefühl: Weshalb eine totgesagte Idee Zukunft hat„, erwartet man eher von Polit-Funktionär*Innen der AfD. Das hielt mich aber natürlich nicht davon ab das Buch zu lesen.

Schon nach den ersten 40 Seiten bestätigte sich mein erster Eindruck und ich hatte nicht mehr das Gefühl, das Buch einer Linken zu lesen. Sie spricht über die sogenannten „Lifestyle-Linken“, die sich ihrer Meinung nach ausschließlich “selbstgerecht” und “moralisierend” mit „Identitätspolitik“ befassen und allesamt aus akademischen, gut situierten und privilegierten Milieus stammen. Sozialpolitik, Umweltpolitik und vieles anderes – worüber innerhalb der Linken eigentlich jeden Tag debattiert wird – stünden wohl nicht mehr im Fokus der „Lifestyle-Linken“, behauptet Wagenknecht.

“Dominiert wird das öffentliche Bild der gesellschaftlichen Linken heute von einem Typus, den wir im Folgenden den Lifestyle-Linken nennen werden, weil für ihn im Mittelpunkt linker Politik nicht mehr soziale und politökonomische Probleme stehen, sondern Fragen des Lebensstils, der Konsumgewohnheiten und moralische Haltungsnoten.”

– Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“

Es ginge nur noch darum, dass sich immer mehr „skurrile Minderheiten“ aus „individuellen Marotten“ einen „Opferstatus“ ableiten würden, um dann den „einfachen Leuten“ „Sprachverbote“ zu erteilen. Wie kategorisch sich Frau Wagenknecht in ihrem Buch über Menschen äußert, ist unglaublich herablassend. Sie stellt den Trotz und die Borniertheit „einfacher Leute“ – was auch immer diese Beschreibung von Menschen bedeuten soll – über eine gerechtere Sprache. Statt für eine gesellschaftliche, zivilisatorische Veränderung zu kämpfen und zu brennen, ergibt sie sich den reaktionären, konservativen und bürgerlichen Begehren, nur um Stimmen abzugreifen. Gleichzeitig wiederholt sie vielfach den Terminus „Sprachverbote“, der eigentlich regelmäßig von irgendwelchen Rechtspopulist*Innen benutzt wird, um gerechtere Sprach-Ideen propagandistisch wirksam schlecht zu machen. Dabei gibt es faktisch natürlich gar kein „Sprachverbot“. Genau das ist das Ziel rechter Agitatoren*Innen. Sie möchten, dass Menschen linke Politik sofort mit Verboten, Zwängen und DDR assoziieren. Das beherrscht Frau Wagenknecht, wie wir sehen, hervorragend. Diese stumpfe Polemik ist nicht mehr weit weg von Aussagen wie „Corona-“ oder „Ökodiktatur“. Es ist traurig, dass eine eigentlich sehr gebildete Frau wie Sahra Wagenknecht, sich an solch polemischen Mitteln bedient, um großen Teilen ihrer Genoss*Innen in den Rücken zu fallen.

Sie nennt uns „Lifestyle-Linke“ und „Moralisten ohne Mitgefühl“. Logisch – weil wir kein Mitgefühl haben, kämpfen wir auch so viel gegen Diskriminierung von Minderheiten, rassistischen Sprachgebrauch, kapitalistische Ausbeutung und Antisemitismus. Und das sind selbstverständlich nur einige Beispiele. Ungefähr auf dem Niveau führt Wagenknecht ihre Leser*Innen durch das gesamte Buch. Sie pauschalisiert und behauptet was das Zeug hält. Immer wieder spielt sie verschiedene Themen gegeneinander aus. In ihrer Vorstellung gibt es offensichtlich ein paar wichtige Themen, neben denen es keine anderen mehr geben darf. Leute die sich also mit gendergerechter Sprache oder rassistischem Sprachgebrauch beschäftigen, sind in Wagenknechts eindimensionaler Weltanschauung “Lifestyle-Linke”, die wohlhabend, privilegiert und selbstgerecht durchs Leben schreiten und sich für keine Themen einsetzen oder interessieren, die nicht sie selbst betreffen.

“Der Lifestyle-Linke lebt in einer anderen Welt als der traditionelle und definiert sich anhand anderer Themen. Er ist vor allem weltoffen und selbstverständlich für Europa, auch wenn jeder unter diesen Schlagworten etwas anderes verstehen mag. Er sorgt sich ums Klima und setzt sich für Emanzipation, Zuwanderung und sexuelle Minderheiten ein. Zu seinen Überzeugungen gehört, den Nationalstaat für ein Auslaufmodell und sich selbst für einen Weltbürger zu halten, den mit dem eigenen Land eher wenig verbindet.”

– Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“

Ich glaube ich muss nicht erklären, wieso das eine unfassbar pauschale und unpräzise Betrachtungsweise ist, die der Realität nicht mal im Ansatz gerecht wird. Sie beschreibt ihr neues politisches Feindbild wie Tiere aus einem Lexikon und greift dabei auf Stereotypen zurück, die man genau so in rechtspopulistischen Kreisen und Medien wiederfindet. Im Übrigen denke ich, dass die im Zitat genannten Themen in einer linken Partei Usus sein sollten. Es ist für mich zumindest nichts schlechtes dabei, sich ums Klima zu sorgen oder weltoffen zu sein und sich als Weltbürger zu fühlen. Für Sahra Wagenknecht offensichtlich schon. Sie entwickelt wohl langsam patriotische Heimatgefühle. Zumindest behaupte ich das jetzt einfach mal, so wie sie es auch tut in ihrem Buch. Das man es zum Beispiel geschafft hat, durch Proteste gegen Unilever, den diskriminierenden Begriff “Z-Sauce” abzuschaffen, ist für Wagenknecht Beweis genug, dass die Arbeitsbedingungen der prekär angestellten Arbeitskräfte bei Unilever, den “Lifestyle-Linken” völlig egal sind. Wenn es also ein Problem A gibt, darf man ein anderes Problem B nicht besprechen oder lösen, wenn dadurch nicht auch Problem A gelöst wird. Das ist die Logik, mit der Wagenknecht die politische Arbeit der „Lifestyle-Linken“ betrachtet.

“Aufgrund der Rassismusdebatte in den sozialen Netzwerken, teilte das Unternehmen im August 2020 mit, werde der Knorr-Klassiker Zigeunersauce ab sofort unter neuem Namen, nämlich als Paprikasauce Ungarische Art in den Supermarktregalen zu finden sein. Und Unilever ist nicht der einzige Konzern, der sich dem Druck linksliberaler Meinungsführer und ihres fleißig twitternden Anhangs beugen musste.”

– Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“

In ihrer Welt geht immer nur das Eine, oder das Andere. Aber es dürfen auf keinen Fall rassistische Begriffe verändert werden, wenn nicht gleichzeitig auch alle Arbeitsverhältnisse verbessert werden. Mit realpolitischen Überlegungen hat das reichlich wenig zu tun. Ein anderes Beispiel ist der Genderstern – weil wir uns dafür einsetzen, würden wir uns wohl nicht mehr für Armut und soziale Gerechtigkeit interessieren. Wenn man soziale Gerechtigkeit mit einem Genderstern abrupt verbessern könnte, wären die beiden Themen vielleicht sogar miteinander vergleichbar. So konstruiert sich Wagenknecht ein „Beispiel“ nach dem anderen, um aufzuzeigen, wie selbstgerecht und heuchlerisch die “Lifestyle-Linken” doch sind. Damit macht Wagenknecht genau das, was sie anderen so vehement vorwirft – spalten.

 “Statt diese Mehrheiten mit einem für sie attraktiven Programm anzusprechen, haben SPD und Linke der AfD zu ihren Wahlsiegen verholfen und sie zur führenden »Arbeiterpartei« gemacht.”

– Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“

Frau Wagenknecht möchte also nicht linke Politik machen, sondern opportune Politik, für die „Mehrheiten“. Sie möchte nicht die Gesellschaft verändern, sondern alles aktuell Schlechte in unserer Gesellschaft bedienen und akzeptieren, um möglichst viele Stimmen abzugreifen. Ihr geht es nicht mehr um Fortschritt, Veränderung und linke Prinzipien. Sie wendet uns den Rücken zu und zeigt mit dem Finger auf uns. Sie pauschalisiert und behauptet das sich die Balken biegen, um möglichst viel Applaus von ihren neuen Freund*Innen zu bekommen. Wagenknecht schafft es den Spalt zwischen „Alt- und Neulinken“ zu zementieren. Nicht nur das, sie fischt auch noch Stimmen im rechten, reaktionären Lager und schadet der Linken dabei enorm. Sie kämpft nicht für den zivilisatorischen Fortschritt dieser Gesellschaft, sondern für die Verhinderung dieses Fortschritts, in dem sie alle Bemühungen für eine gerechtere Gesellschaft, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen, als „Lifestyle-Unsinn“ abtut. Sie stellt sich auf die Seite der Zweifler*Innen und Egozentriker*Innen. Sie möchte opportunistische Politik für Menschen machen, die heute die AfD wählen. Sie nennt diese Menschen “einfache Menschen”, die nichts von “Sprachverboten” halten.

“Ob Flüchtlingspolitik, Klimawandel oder Corona, es ist immer das gleiche Muster: Linksliberale Überheblichkeit nährt rechte Terraingewinne. Und je lauter die Pöbeleien von rechts, desto mehr fühlt sich der Linksliberale in seiner Position bestärkt. Nazis sind gegen Zuwanderung? Also muss jeder Zuwanderungskritiker ein verkappter Nazi sein! Klimaleugner lehnen CO2-Steuern ab? Also steckt wohl mit ihnen unter einer Decke, wer höhere Sprit- und Heizölpreise kritisiert!”

– Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“

Sie macht sich in überspitzter Form lustig über den weltweiten, sehr bedrohlichen Rechtsruck, der nicht nur nachhaltig unsere Demokratien bedroht, sondern auch unendlich viele Menschen verschiedener, unterdrückter Minderheiten, die nicht frei und gleichgestellt leben können. Engagement für diese Menschen zu zeigen ist für Sahra Wagenknecht offensichtlich „Lifestyle-Links“. Der Rechtsruck ist für sie ein „Märchen“. Sie nennt sogar einen Abschnitt in ihrem Buch “Das Märchen vom rechten Zeitgeist”. Gleichwohl aber macht sie natürlich wieder die “Lifestyle-Linken” dafür verantwortlich, dass die rechte Community immer größer und stärker wird. Schon allein der Ausdruck “Linksliberale” ist ein Versuch das Ansehen der Linken in Deutschland zu verwässern. Es gibt die von Wagenknecht beschriebenen Linken sicherlich, aber die machen nur einen kleinen Teil der Menschen in linken Parteien aus und bilden nicht eine riesige Mehrheit, die nur noch über gendergerechte Sprache spricht. Rechtspopulist*Innen möchten gerne, dass es so aussieht, als würden wir immer nur über die selben Themen sprechen. Deshalb werden diese Behauptungen in der Öffentlichkeit auch immer wieder aufs Neue bemüht, damit sie möglichst viele Menschen im Kopf behalten und direkt mit linker Politik assoziieren. Applaus, Frau Wagenknecht. Sie sind eine waschechte Rechtspopulistin und schaden der gesamten Linken in enormem Ausmaß.

“Aber der Kampf gilt nicht nur Namen und Denkmälern, über deren Sinnhaftigkeit man tatsächlich streiten kann. Er macht auch vor populären Büchern, Filmen und selbst klassischen Philosophen nicht halt. Die Texte von Mark Twain und das Kinderbuch Pippi Langstrumpf können schon seit Längerem nicht mehr in der Originalversion erscheinen, weil gewisse Passagen und Worte den empfindsamen Gemütern der Kinder und Jugendlichen unserer Zeit nicht mehr zumutbar sind.”

Sahra Wagenknecht, „Die Selbstgerechten“

Auch Frau Wagenknecht hält rassistische Wörter in deutscher Literatur offensichtlich für erhaltenswert. Ähnlich wie viele andere Konservative und Rechte, die das Streichen dieser Wörter für „Sprachverbote“ halten, die unsere schöne deutsche Sprache völlig verschandeln. Wieso aber die Qualität großer Literatur von ein paar wenigen rassistischen Ausdrücken abhängig ist, konnte mir noch niemand erklären. Und wieso man diese rassistischen Wörter unbedingt weiter drucken muss, konnte mir auch noch niemand erklären. So entpuppt sich das Argument „Große Literatur wird durch „linksgrünversiffte Sprachverbote“ zerstört!“ in meinen Augen als reines Scheinargument, um einfach mal wieder das Wort „Sprachverbote“ mit „links“ in Verbindung zu bringen. Im Grunde geht es dabei nur um Trotz – simpler kindischer Trotz. Man wehrt sich mit Händen und Füßen gegen einen modernen, zivilisatorischen Wandel der Gesellschaft.

Fazit: Alles in allem ist das Buch von Frau Wagenknecht pure rechtspopulistische Propaganda. Sie schießt mal mehr mal weniger subtil gegen alles, was Veränderung, Fortschritt und Entwicklung unserer Gesellschaft bedeutet und macht sich stark für reaktionäre, konservative Meinungen aus dem rechten Lager, in dem sie jede Menge potentielle Wähler*Innen vermutet. Wenn Sarah Wagenknecht ernsthaft daran interesseiert gewesen wäre der Linken mit ihren „Überlegungen“ zu helfen, hätte sie einfach sagen können: „Hey Leute, ich habe das Gefühl wir sprechen zu viel darüber und zu wenig darüber“. Stattdessen schreibt sie ein Buch voller schlechter, pauschaler Behauptungen und unzutreffender Annahmen, die offensichtlich ausschließlich auf anekdotischer Evidenz basieren und beleidigt einen großen Teil ihrer eigenen Genoss*Innen als „Lifestyle-Linke“, in dem sie diese auf ein Hand voll Themen reduziert.

Schämen Sie sich, Frau Wagenknecht.

Schalom,
Schlomo Goldbaum

3 Kommentare zu „Sahra Wagenknecht: Eine lupenreine Rechtspopulistin – Ein Kommentar

  1. Lieber Genosse Felix, ich teile deine Meinung aus diesem Kommentar überwiegend, würde allerdings davon absehen, Genoss*innen als „Parteigenoss*innen“ zu bezeichnen, denn das steht für mich eher für Mitglieder einer 1945 verbotenen Partei…

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo lieber Genosse Flo,

      Ich freue mich sehr darüber, dass du meine Ansichten zu Sahra Wagenknecht teilst. Ich bedanke mich auch für deinen Hinweis zu „PareigenossenInnen“, ich werde das beherzigen und so schnell wie möglich ändern.

      Alles liebe,
      Schlomo Goldbaum (Felix Jungbluth)

      Gefällt mir

  2. Wagenknecht ist in erster Linie Autoritär. Autoritäres Denken ist im grunde nie sehr tolerant da es eben alle auf Einheitslinie bringen will.

    Angefangen bei Lenin bis zur SED war dieses denken schon immer in teilen der Linke verankert. Wagenknecht vertritt da lediglich dieses alte Bild des Sozialistischen Einheitsmenschen.

    Die neue politisch korrekte Gender Sprachlinke ist aber auch nicht weniger Autoritär in ihrem verlangen nach sprachlicher Bevormundung.

    Freiheit = Es soll jeder auf die eigene facon glücklich werden ohne sich über andere zu erheben. Ganz Anti Autoritär.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s