Verschwörungstheorien um Corona spalten die Gesellschaft: Antisemitismus verbreitet sich zunehmend – Ein Kommentar

Schon vor der Corona-Pandemie war eine Zeit der politischen Unruhen. Durch die Corona-Pandemie haben Ängste und Sorgen, in weiten Teilen der Gesellschaft, zusätzlich an Intensität gewonnen. Der politische Rechtsruck in Deutschland, und auch weltweit, ist deutlich zu spüren. Viele Menschen haben ihre Jobs verloren oder sind Pleite gegangen und suchen jetzt einen Verantwortlichen für das ganze Unglück.

Eine Virus-Pandemie ist etwas sehr wissenschaftliches, was man weder sehen, riechen, schmecken oder spüren kann. Man kann einzig und allein sehr krank davon werden und Überträger sein. Aber nicht mal die Übertragung, geschweige denn die Ansteckung bekommt man mit. Bei so einem Phänomen ist jeder normale Laie auf die Erklärungen, Ratschläge und Fakten von Wissenschaftlern angewiesen. Für viele Menschen ist es schwer, ihr gesamtes Vertrauen in die Expertise von irgendwelchen Wissenschaftlern zu legen, die sie lediglich aus den Nachrichten kennen. Sie können sich nur schwer damit abfinden, dass es keinen Schuldigen für all das Leid gibt. In ihrer Wut und Angst ist es dann schwer Mitgefühl und Solidarität aufzubringen. Verschwörungstheorien arbeiten häufig mit einfachen, groben Behauptungen, die einfach zu verstehen sind. Außerdem verschaffen Sie dem Gläubigen das Gefühl etwas Besonderes zu sein, jemand der die richtigen Schlüsse zieht und jetzt „aufgewacht“ ist. Alle anderen Menschen werden „Schlafschafe“ oder „Systemlinge“ genannt.

Verschwörungserzählungen sind gerade sehr populär, weil sich für viele Leute in der Corona-Pandemie der Alltag auf den Kopf stellt. Da herrscht große Unsicherheit. Und eine Verschwörungserzählung gibt einem Menschen subjektiv die Möglichkeit, eine Situation unter Kontrolle zu bringen. Es gibt klare Verantwortliche für eine unübersichtliche Situation, klare Verantwortliche, die etwas Böses im Schilde führen. Das verschafft einem eine Form von Sicherheit. Auf der psychologischen Seite haben Menschen häufig das Gefühl, dass große Folgen auch große Ursachen haben müssen. Sie glauben dann etwa, wenn ein kleines Virus so viele Konsequenzen verursachen kann, die die ganze Welt betreffen, kann das doch kein Zufall sein. Man hält es daher für logisch, dass es einen großen Plan dahinter geben muss. Außerdem kann man mit Verschwörungserzählungen auch eine Heldengeschichte von sich erzählen. Man hat das ja alles schon erkannt. Dann sind die Leute, die nicht daran glauben, „Schlafschafe“ und eben noch nicht so erweckt wie man selbst.Felix Steinbrenner, Fachreferent für Extremismus-Prävention

Quelle: https://bnn.de/karlsruhe/verschwoerungstheorie-diskussion-dialog-familie-freunde-argumente-corona

Simple, antisemitische Sündenbock-Verschwörungstheorien passen da eben perfekt. Sie befriedigen das Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit. Wenn Menschen sich Dinge einfach und verständlich erklären können, erleben Sie die Illusion der Kontrolle. Genau so wirken auch die Verschwörungstheorien. Es gibt keinen Zufall und kein Schicksal, alles ist geplant und gesteuert. Hinter allem was geschieht stecken Interessen. Seit Jahrtausenden hat man auf diese Theorien zurückgegriffen, wenn man dringend einen Schuldigen brauchte, um sich irgendetwas unkompliziert zu erklären. Das beste Beispiel war die Zeit der Pest, in der die Juden als „hinterhältige Brunnenvergifter“ verunglimpft wurden. Deshalb werden diese Theorien auch heute wieder für die Corona-Pandemie benutzt – alles ist gesteuert und inszeniert von den Juden der „zionistischen NWO“. Was genau die Ziele dieser „NWO“ sind, ist selbst unter den Verschwörungstheoretikern noch nicht ganz geklärt. Auf jeden Fall sind die „Ziele“ immer böse, satanisch und unmenschlich.

Juden waren über Jahrhunderte das Feindbild Nummer eins. Für Seuchen oder andere Katastrophen, die über die Menschen hereinbrachen, konnte es nur einen Schuldigen geben. Beim Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert bekamen die Juden den ganzen Hass ihrer nichtjüdischen Mitbürger zu spüren. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie die Brunnen vergiftet hätten und die Seuche so habe ausbrechen können.

Quelle: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/verschwoerungstheorien/pwiejudenundverschwoerungstheorien100.html#Suendenboecke_schlechthin

Ich habe mal nach Umfragen zu dem Thema geschaut. Die aktuellste und prominenteste ist zur Zeit von der Konrad-Adenauer-Stiftung, die ich euch hier nicht vorenthalten möchte. In diesem Fall wurden in einer repräsentativen Umfrage AFD-Anhänger befragt. Das Ergebnis bestätigt meine Vermutungen.

Laut einer repräsentativen Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung sind 24 Prozent der AfD-Anhänger der Meinung, „es handele sich bei der Corona-Pandemie um eine Verschwörung zur Unterdrückung der Menschen“. Weitere 41 Prozent halten dies für wahrscheinlich.

Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/f-a-s-exklusiv-deutliche-mehrheit-der-afd-anhaenger-glaubt-an-corona-verschwoerung-17111064.html

Auch ich musste nun vor Kurzem die Erfahrung machen, dass Menschen aus meinem nahen Bekanntenkreis in antisemitische Verschwörungstheorien abdrifteten. Ein guter Freund von mir und meiner Frau, nennen wir ihn mal Benjamin, erzählte uns vor kurzem bei einem Besuch, dass es seiner Mutter zur Zeit gar nicht gut gehe. Über Xavier Naidoo, von dem Sie schon immer ein großer Fan gewesen war, ist sie auf diese ganzen Verschwörungstheoretiker bei Telegram aufmerksam geworden. Seit Monaten hängt der Haussegen schief.

Wir streiten uns zuhause nur noch. Sie frisst diesem Naidoo und dem Hildmann und dem Wendler und zig anderen Telegramm-Helden aus der Hand. Sie misstraut wirklich jedem. Ärzte, Polizisten, Nachrichten, manche Freunde und Bekannte… alle sollen wohl Teil einer zionistischen Weltverschwörung sein. Und Corona ist wohl nur ein Vorwand, um uns alle zu töten. Den Virus leugnet Sie. Sie meint die Juden halten sich für die Auserwählten, die schon immer die Weltherrschaft wollten. Und jetzt hätten sie wohl endlich die Gelegenheit dazu. Sie wollte auch, dass ich keine Maske mehr trage und meinte ich wäre blind, wenn ich das alles nicht durchschauen würde. So aggressiv und abwertend war sie mir und anderen Menschen gegenüber noch nie. Mit ihr zu reden funktioniert einfach nicht. Alles was wir ihr zeigen oder sagen, akzeptiert sie einfach nicht. Das ist wirklich beängstigend und gruselig. – Benjamin D.

Der Name der Person wurde auf Wunsch geändert.

Ich wusste nicht ob ich lachen oder weinen sollte. Natürlich ist das völlig abstrus, aber auch wirklich tragisch und gefährlich. Die Mutter eines guten Freundes, die vorher völlig unpolitisch war, streitet sich mit ihren Familienmitgliedern über völlig abwegige, politische Verschwörungstheorien. Wenn seine Mutter die Menora in unserem Fenster sehen würde, hätte sie wahrscheinlich jedes mal Angst, wenn Benjamin uns besucht.

Mit was sich Benjamin’s Mutter und viele andere Menschen in Deutschland in diesen Telegram-Kanälen auseinandersetzen, ist die übelste Sorte antisemitischer und faschistischer Hetze. Ganz besonders Attila Hildmann verbreitet üblen Judenhass in Form von antisemitischen Verschwörungstheorien, Geschichtsrevisionismus und Lügengeschichten.

Ich sehe in Leuten wie Attila Hildmann eine ernsthafte Gefahr, die sich mit der Zeit immer mehr verschärft. Man konnte die zunehmende Radikalisierung von Hildmann und vielen anderen Hetzern während der letzten Monate eindeutig beobachten. Jetzt wird es Zeit, dass der Staatsschutz, die Justiz und die Polizeibehörden ihren Job machen und Schlimmeres im Vorfeld vereiteln. Es darf nicht noch ein Halle oder Hanau geben. In den letzten Jahren konnten wir auf der ganzen Welt die Auswirkungen dieser ganzen rechtsextremen Propaganda erleben. Es gab weltweit rechte, islamophobe und antisemitische Anschläge. Dem müssen wir uns entschlossen und vor allem gesamtgesellschaftlich entgegensetzen. Faschismus, Rassismus und Antisemitismus sind keine Meinungen, sondern ein Verbrechen.

Da geht es auch um das Thema Zivilcourage. Wenn alle schweigen, verbreiten sich diese Positionen oft umso mehr. Es ist wichtig, dass man auch in der Öffentlichkeit den Mut hat, zu sagen: Ich sehe das anders. Das reicht zunächst auch schon, man muss gar nicht inhaltlich argumentieren. Aber es ist wichtig, damit nicht der Eindruck entsteht, alle sind stumm und die, die an die Verschwörungen glauben und sie verbreiten, sagen die Wahrheit. Man muss sich auch überlegen, für wen man in eine Diskussion hinein geht. Wenn man sagt: „Ich sehe das anders“ hat man auch diejenigen im Blick, die zuhören. Die Dritten. Es ist auch wichtig zu sehen, dass verschwörungsgläubige Leute auf Widerspruch stoßen. Um sie zu verunsichern. Da ist die gesamte Gesellschaft in der Verantwortung. Man kann das nicht nur in die Familien geben, das muss gesamtgesellschaftlich passieren. Wir sind in einer paradoxen Situation, in der die Vernünftigen und Verantwortungsvollen zur Hause bleiben und die Verschwörungsgläubigen auf die Straße gehen. Da kann der Eindruck entstehen, die Verschwörungsgläubigen wären in der Überzahl. Deswegen ist es wichtig, immer wieder ein Zeichen zu setzen.Felix Steinbrenner, Fachreferent für Extremismus-Prävention

Quelle: https://bnn.de/karlsruhe/verschwoerungstheorie-diskussion-dialog-familie-freunde-argumente-corona

Fazit: Ich kann mich meinem Namensvetter Felix Steinbrenner nur anschließen. Wir dürfen diesen Hetzern das Feld nicht frei überlassen. Nicht nur die Behörden stehen in der Verantwortung Antisemitismus und Faschismus zu bekämpfen, sondern auch alle normalen, vernünftigen und couragierten Mitbürger. So ist es immer wieder wichtig den Verschwörungsgläubigen, auch in der Familie, Einhalt zu gebieten, damit sie spüren, dass es jede Menge Menschen gibt, die anderer Meinung sind. Wahrscheinlich ist der Weg ziemlich lang und beschwerlich, aber gerade Menschen aus der Familie sollte man nicht fallen lassen, sondern immer wieder und wieder vorsichtig mit anderen Perspektiven konfrontieren. Reine Fakten und Argumente sorgen bei manchen dafür, dass sie sich noch tiefer in die Verschwörungsmythen zurückziehen. Deshalb braucht es eine gute Ausdauer, bis die innerfamiliäre, politische Spaltung aufgelöst ist.

Schalom,
Schlomo Goldbaum (Felix Jungbluth)

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