Interview: Ein Arzt spricht über moderne Schmerztherapie und Cannabis.

„Insgesamt sollten deutsche Ärzte mehr mit Opioiden arbeiten und besser darüber aufklären, um Süchte im Vorfeld zu verhindern.“

Ein Interview vom Übermensch Blog mit dem Berliner Facharzt für Schmerzmedizin Dr. med. Zacher.

Hinweis: Auf Wunsch der befragten Person haben wir den Namen für das Interview geändert. Wir hatten desweiteren auch nur Zeit für ganz wenige Fragen. Titelbild ist von everbill.com.

Übermensch Blog: Guten Morgen Herr Dr. Zacher. Wir bedanken uns für das heutige Kurz-Interview und wollen direkt mit einer Frage starten: Was halten sie von den immer wiederkehrenden Artikeln über die Gefährlichkeit rezeptfreier Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetmol? Ganz besonders Ibuprofen wird immer wieder mit Herz- und Gefäßschädigungen in Zusammenhang gebracht. Was denken Sie darüber?

Dr. Zacher: Diese Artikel haben völlig recht und sie sind meiner Meinung nach auch dringend nötig. Ich erlebe immer wieder PatientInnen bei mir in der Praxis, die sich über Jahre hinweg ihre Leber und Nieren zerstören, weil sie entweder Selbstmedikation betreiben ohne je zum Arzt gegangen zu sein, oder sie waren bei einem Arzt, nur dieser kam leider nie auf die Idee mal ein vernünftiges Schmerzmittel zu verschreiben. Gerade NSAR, das ist die Substanzklasse unter die z.B. Ibuprofen fällt, kann den Magen und die Nieren sehr stark schädigen. Nur 75% der Benutzer vertragen Ibuprofen. Männer meistens besser als Frauen. Paracetamol hingegen kann schon bei doppelter maximaler Tagesdosis ein Leberversagen hervorrufen. Das sind Dinge die Laien nicht wissen können, aber jeder Arzt wissen sollte. Nur leider gibt es sogar viele Kollegen mit exorbitanten Wissenslücken. Deswegen empfehle ich bei Schmerzen immer einen Arzt und im Zweifel sogar einen Facharzt zu konsultieren, bevor man Ewigkeiten rezeptfreie Medikamente zu sich nimmt. Und eine zweite Meinung von einem anderen Arzt ist auch niemals eine schlechte Idee, denn auch unter Ärzten gibt es Deppen.

Übermensch Blog: Was kritisieren Sie am meisten an der heutigen Schmerztherapie?

Dr. Zacher: Das sind mehrere Dinge. Zum einen gibt es immer noch Kollegen die denken, dass alle Medikamente die unter das BTMG fallen immer als die letzte, gefährliche Instanz dienen sollten. Dabei sollte es genau anders herum sein. Gerade PatientInnen mit chronischen Schmerzen sollten UNBEDINGT mit Opioiden behandelt werden. Es gibt insgesamt drei Substanzklassen, die im Grunde für unseren Körper geschaffen sind. Das sind zum einen die Opioide, für die es überall im Körper an verschiedenen Stellen Rezeptoren gibt. Opioide machen bei dauerhafter Einnahme zwar metabolisch abhängig, sind dafür aber zu 0% toxisch für den Körper. Ein Morphium-Süchtiger kann uralt werden. Die zweite Substanzklasse sind die Cannabinoide. Für sie haben wir das Endocannabinoide System in unserem Hirn, in dem sogar körpereigene Cannabinoide zum Einsatz kommen. Cannabinoide sind noch Bestandteil großer Forschungsprojekte. Was wir aber sicher sagen können ist, dass bestimmte Cannabinoide gegen Entzündungen, Schmerzen, Krämpfe, Verdauungsprobleme, Depressionen, Übelkeit, Krebs und viele psychische Erkrankungen helfen. Cannabinoide können im übrigen nicht körperlich abhängig machen und sind wie die Opioide zu 0% toxisch für den Körper. Die dritte Substanzklasse sind die Benzodiazepine, für die wir die GABA-Rezeptoren in unserem Gehirn haben. Benzodiazepine wirken muskelentspannend, angstlösend, antiepileptisch und schlaffördernd. Diese Substanzen können aber ähnlich wie die Opioide metabolisch abhängig machen, sind jedoch auch zu 0% toxisch für den Körper. Das gilt natürlich alles nur, wenn die drei Substanzklassen vernünftig unter ärztlicher Aufsicht verwendet werden. Mein eigentlicher Appell an meine Kollegen ist aber dieser: Seid bitte nicht zu faul ein BTM-Rezept auszustellen. Wägt bei jedem Patienten ab wie stark der Leidensdruck ist. Nehmt die Schmerzen des Patienten ernst und achtet seine Wünsche. Wir sind dazu verpflichtet Leid abzuwenden. Wir müssen unsere Patienten perfekt beraten und nicht nach unserer Nase beeinflussen. Insgesamt sollten deutsche Ärzte mehr mit Opioiden arbeiten und besser darüber aufklären, um Süchte im Vorfeld zu verhindern. Es ist völliger Unsinn Opioide selten zu benutzen, nur weil sie metabolisch abhängig machen. Man sollte immer zwischen Vor- und Nachteilen abwägen, denn meistens überwiegen die Vorteile bei chronischen Schmerzpatienten. Dafür muss aber insgesamt, auch innerhalb der Ärzteschaft ein neues Bewusstsein für diese Substanzklasse geschaffen werden. Die Dämonisierung fing ja schon Anfang des 20. Jahrhunderts an, als die Welt-Opium-Konferenz ein Opium Verbot beschloss. Vorher bekam man alles was man wollte in der Apotheke. Verrückte Zeiten.

Übermensch Blog: Oh ja, wir denken Ihr Appell ist deutlich geworden. Sie sprachen über Cannabis. Was halten sie von der deutschen Drogenpolitik?

Dr. Zacher: Ich bin der Meinung das Prohibitionen von egal was keinen Sinn machen. Süchte sind menschlich und werden immer weiter befriedigt werden. Desweiteren ist es völlig inhuman suchtkranke Menschen zu kriminalisieren. Heroinsüchtige sind in meinen Augen genauso krank wie ein Diabetiker. Sie haben ein Stoffwechselproblem. Der Diabetiker kann ohne Insulin nicht Leben und der Heroinsüchtige nicht ohne seine Opiate. Warum zur Hölle jagen wir also suchtkranken Menschen hinterher, denen dann nichts anderes übrig bleibt, als sich im Schwarzmarkt zu verstecken. Und da wäre auch schon das nächste durch die Regierung geschaffene Problem: Der Schwarzmarkt. Den gibt es nur, weil wir den Süchtigen nicht helfen, sondern sie kriminalisieren. Wir schaffen durch die Drogenpolitik Diskriminierung und machen kriminelle Gangster zu Millionären. Das halte ich von Drogenpolitik allgemein: Garnichts.

Übermensch Blog: Zum Abschluss zwei persönliche Fragen: 1. Kiffen Sie? und 2. Gehen Sie zum Arzt wenn Ihnen etwas fehlt?

Dr. Zacher: Ja, Asche auf mein Haupt, es wird Zeit zu sich selbst zu stehen. Auch ich rauche mit meiner Frau ab und zu abends gerne eine Haschisch-Zigarette. Bitte erzählen sie es nicht weiter. (Dr. Zacher lacht) Und ja, auch ich gehe zu einem befreundeten Arzt. Der ist Radiologe und wir kennen uns seit dem Studium.

Übermensch Blog: Vielen Dank Dr. Zacher für Ihre Zeit und die wirklich ausführlichen Antworten. Alles Gute!

Interview: Ein Arzt spricht über moderne Schmerztherapie und Cannabis.

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