Man sagt, der wahre Charakter eines Menschen zeige sich in der Krise.
Vielleicht gilt das auch für ganze Gesellschaften.
Und wenn das stimmt, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, was aus uns geworden ist.
Eine neue Umfrage zeigt:
Fast die Hälfte der Deutschen – 47 % – ist der Meinung, die Ukraine solle ihre von Russland besetzten Gebiete einfach abgeben, wenn das den „Frieden“ bringe.
65 % lehnen es ab, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu liefern.
Und im Osten des Landes liegen die Ablehnungswerte noch deutlich höher.
In der Wählerschaft der AfD stimmen 86 % für Gebietsverzicht, 91 % gegen Waffenhilfe.
Doch auch bei vielen selbsternannten „Linken“ ist die Zustimmung zur Selbstaufgabe der Ukraine bedrückend hoch.


Was ist das für eine Friedenssehnsucht,
die nicht auf Gerechtigkeit baut,
sondern auf Kapitulation?
„Frieden“ in unseren Köpfen
Hier reden alle über „Frieden, Frieden, Frieden“ –
aber was sie meinen, ist ein Frieden, der nur in ihren Köpfen existiert.
Ein Frieden, der keiner ist.
Denn in der Ukraine herrscht kein Frieden, wenn Russland dort seine Diktatur installiert. Wenn Mütter um ihre verschleppten Kinder weinen, die in militärischen Umerziehungscamps zu Anti-Ukrainischen, faschistischen Ideologen erzogen werden, oder Menschen in den besetzten Gebieten verfolgt, gefoltert und ausgelöscht werden.
Das spüren die Eltern der hunderttausenden entführten Kinder.
Das wissen die Frauen, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurden.
Das sehen die Überlebenden von Butscha, Irpin und Mariupol.
Die Ukrainer*innen kämpfen nicht für abstrakte Dinge.
Sie kämpfen für Gerechtigkeit, für Demokratie, für ihr Überleben –
und damit auch für uns.
Und was passiert hier?
Wir sitzen auf unseren Sofas und kritisieren die Ukrainer*innen dafür, dass sie für Dinge kämpfen, die wir für selbstverständlich halten.
Es ist un-fucking-fassbar.
Die Wohlstandsverwahrlosung unserer Zeit
Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschlichkeit hierzulande an der Supermarktkasse oder der Tankstelle endet.
Solange der Wein oder das Benzin nicht teurer wird, ist alles halb so wild.
Aber wehe, es wird unbequem.
Dann bricht die Solidarität zusammen wie ein Kartenhaus.
Dann werden Menschenrechte plötzlich „kompliziert“.
Dann wird Waffenhilfe zur „Eskalation“ – und Widerstand zur „Provokation“.
Dabei geht es nicht um Eskalation.
Es geht darum, dass ein Land nicht erpresst, zerschlagen, vernichtet werden darf.
Es geht um das Recht, nicht entführt zu werden.
Nicht bombardiert zu werden.
Nicht unterjocht zu werden.
Und es geht darum, dass wir – die freien Demokratien Europas –
nicht die sein dürfen, die danebenstehen
und zuschauen, wenn das Unrecht marschiert.

Linke, die sich selbst verraten
Was mich besonders fassungslos macht, ist das Verhalten vieler in der politischen Linken.
Menschen, die sich auf Rosa Luxemburg berufen,
aber der Ukraine vorwerfen, dass sie sich verteidigt.
Was ist das für eine moralische Verdrehung?
Hätten diese Leute im Dritten Reich den Widerstand kritisiert,
weil er Gewalt anwendete?
Hätten sie Sophie Scholl zur Mäßigung geraten?
Die Résistance zur Verhandlung mit den Nazis?
Ein Pazifismus, der den Aggressor gewähren lässt,
und das Opfer zum Schweigen zwingt,
ist kein Pazifismus –
er ist ein Kollaborateur der Tyrannei.
Die „linken“ dieses Landes, sollten sich ein Beispiel an den Mitgliedern der Grünen nehmen, die in der Umfrage deutlich mehr Herz, Verstand und Haltung beweisen.
Europa ist nicht das, was wir behaupten – sondern das, was wir tun
Wir sprechen gern von europäischen Werten.
Von Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung.
Aber diese Werte sind nichts wert, wenn wir nicht bereit sind, sie auch dann zu verteidigen,
wenn es uns etwas kostet.
Die Ukraine verteidigt genau das.
Mit ihrem Blut.
Mit ihrem Mut.
Mit ihrer Zukunft.
Und der Rest Europas, will einfach, dass es endlich aufhört.
Zu egal welchem Preis, denn den zahlen ja nicht wir.
Mein Appell an dich – ja, an dich, der die Ukraine im Stich lassen will
Wenn du glaubst, Frieden sei wichtiger als Gerechtigkeit,
dann frag dich, wessen Frieden du meinst.
Wenn du forderst, die Ukraine solle „nachgeben“,
dann sag es offen:
Du willst, dass die Freiheit, die Zukunft und die Demokratie der Ukrainer*innen geopfert wird,
damit du die ideologische Illusion von „Frieden“ in deinem Kopf genießen kannst.
Und wenn du wirklich glaubst, das sei „menschlich“ –
dann hast du wahrscheinlich längst vergessen, was es heißt, „menschlich“ zu sein.
Seit es uns Menschen gib, haben wir für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte gekämpft. All das weißt du auch, da bin ich mir sicher. Wenn es aber um die Ukraine geht, schaust du lieber dabei zu, wie unfassbares Unrecht geschieht.
Schäm dich.
von
Felix Jungbluth

Sehr gut!
LikeGefällt 1 Person
Danke!
LikeLike