Sind Nazis Monster? – Ein Kommentar

Jeder, der sich mit dem Nationalsozialismus befasst hat, mit den Gräueltaten innerhalb der KZ‘s, Ghettos, Haftanstalten etc., fragt sich irgendwann unweigerlich: „Was waren das für Menschen, die zu so etwas fähig waren?“ Darf man die noch Menschen nennen? Oder sind das nicht doch Monster? Das wäre eine einfache, aber auch falsche Schlussfolgerung, denn Monster waren sie nicht. Ihre Taten aber waren genauso monströs wie das System, in dem sie lebten. Das waren ganz „normale“ Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Sie als Monster zu betrachten ist ebenso kurz gegriffen wie gefährlich. Warum ist das gefährlich und zu kurz gegriffen?

Zuerst muss man sich den historischen Kontext mal ansehen. Wie waren die Menschen zu dieser Zeit. Die Kaiserzeit war noch nicht allzu lange Geschichte und die Bürger wurden damals noch im Sinne des militaristischen Kaiserreiches erzogen – Zucht – Ordnung – Pflicht – Gehorsam – vereinfacht ausgedrückt. Viele der späteren Verbrecher waren ehemalige Soldaten, auf Gehorsam und Pflichterfüllung gedrillt. Die Menschen damals wurden dazu erzogen, gehorsam ihre Pflicht zu erfüllen. Einen Befehl zu kritisieren wäre für viele überhaupt nicht in Frage gekommen, geschweige denn, ihn zu verweigern. Das NS-Regime machte sich diesen Gehorsam zu Nutze und baute so ein Netz aus fleißigen Befehlsempfängern auf, in dem jeder eine kleine Aufgabe zu erfüllen hatte, bei der man das Große Ganze nicht im Blick haben musste, wenn man es nicht sehen wollte. Als Kontrollinstanz diente praktisch jeder folgsame Volksgenosse. So kam es dazu, dass Nachbarn Nachbarn bespitzelten, Arbeitskollegen ihren Nebenmann, Söhne und Töchter ihre Eltern usw.. Ohne diese gehorsamen Bürger*Innen hätte das Dritte Reich gar nicht funktionieren können. Um Juden, Anarchisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Homosexuelle, Sinti und Roma, Menschen mit Einschränkungen und alle anderen verfolgten Randgruppen ausgrenzen zu können, wurden sie von der nationalsozialistischen Propaganda entmenschlicht, mit Parasiten gleich gesetzt – als Volksfeinde eingestuft. Erst entzog man ihnen die Rechte, dann das Geld, dann die Würde und zu guter Letzt wurden sie ermordet. Alles im Sinne eines „Gesunden Volkskörpers“.

Das alles bewegte sich auf dem Boden des Gesetzes, denn die Machthaber machen die Gesetze. Bestes Beispiel sind wohl die Nürnberger Rassegesetze [1]. Nach damals geltendem Recht war sogar der Holocaust in Deutschland legal. Wichtig ist auch die Tatsache, dass zu der damaligen Zeit der Antisemitismus ein weit verbreitetes Übel in ganz Europa war. Er wurde während dieser Zeit nicht so geächtet wie heute [2]. Warum also sind Nazis keine Monster? Ganz einfach, weil es keine Monster gibt. Monster/Ungeheuer sind fiktionale Fabelwesen aus der Mythologie. Meist nur von Superhelden zu besiegen. Die Täter von damals aber waren der nette Buchhalter von nebenan, der Bäckergeselle, oder die immer freundliche Frisörin wie Elisabeth Volkenrat, ehemalige KZ-Aufseherin, im Bergen-Belsen Prozess zum Tode verurteilt [3]. Diese Menschen haben ihre Taten begangen, weil sie gehorsam und unreflektiert Befehle befolgt haben. Privat waren sie liebevolle Familienväter, Schwestern, Brüder usw., die ihre Familien vor den „Parasiten“, die den gesunden „Volkskörper“ bedrohten, beschützen wollten. Das wohl einprägsamste Beispiel des gehorsamen Bürgers ist wohl Adolf Eichmann, der ab 1941 für die Organisation der Deportationen verantwortlich war und am 20. Januar 1942 das Protokoll der Wannseekonferenz führte. Er wusste also genau, worum es ging. Zur Verteidigung beim Prozess in Israel führte Eichmann immer wieder an, er hätte nach dem Führerprinzip lediglich Befehle befolgt, er sei in dem Sinne juristisch nicht schuldig, weil er niemals selbst einem Menschen das Leben genommen hatte [4]. Eichmann war kein Monster, Eichmann war nichts weiter als ein gehorsamer Buchhalter, der sich nicht einmal die Frage gestellt hat: „Ist das richtig, was ich hier mache?“ Auch die KZ Aufseher waren keine Monster, sie waren gehorsame Befehlsempfänger. Im KZ Auschwitz arbeiteten von Mai 1940 bis zur Befreiung durch die Rote Armee 1945 rund 10.000 SS-Angehörige als Wachmannschaft entweder außerhalb oder innerhalb des Lagers [5]. Alle haben nur Befehle befolgt. Und sie alle würden es wieder tun, wenn man es ihnen befehlen würde, wären sie heute noch dazu in der Lage. Und wir dürfen nicht vergessen, sie sahen ihre Opfer als Untermenschen, Volksschädlinge und Parasiten an. Sie waren so brutal, weil sie es konnten, weil sie innerhalb der Lager-Hierarchie die Macht inne hatten, das zu tun. In einem totalitären Regime kann jeder zum Täter werden, der unreflektiert Befehle ausführt und nicht nach der Richtigkeit, sondern nur nach der Legalität der angeordneten Taten fragt. Dies soll keine Entschuldigung sein, es dient nur zur Erklärung. Vom heutigen Standpunkt aus, fällt es uns leicht, zu sagen, das hätten wir nicht gemacht, wir wären sofort im Widerstand gewesen usw.. Dazu gehört aber sehr viel Mut, eine gut vernetzte Organisation und selbst die kann von Spitzeln unterwandert sein. Die Täter waren einfache Menschen und ihre Bosheit war banal, nicht radikal – sie haben weder nachgedacht, noch hinterfragt, hatten keine eigene Moral und Ethik. Sie haben nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, waren kleine Rädchen in einem riesigen Apparat. Und genau das macht Menschen so gefährlich, das Fehlen einer eigenen Moral und die Unfähigkeit sowohl angeordnete Befehle in Frage zu stellen, als auch das eigene Verhalten zu reflektieren. Daher ist es so wichtig, in einer Demokratie wachsam zu sein, auch die Mächtigen in Frage zu stellen, ihre Gesetze genau unter die Lupe zu nehmen, sich zu informieren, diesen Informationen nur dann zu trauen, wenn sie auf tatsächlichem Wissen beruhen und vor allem, sich eine eigene Moral zu bilden im humanistischen Sinne.

Frage dich: „Ist das jetzt richtig oder nur legal?“  Traue dich, eigenständig zu denken, auch wenn deine Gedanken nicht denen der Mehrheit entsprechen! Und wenn du etwas als falsch erachtest, dann sprich es aus! In einer Demokratie kannst du das noch, in einer Diktatur kann dich das dein Leben kosten.

Nazis sind keine Monster, jeder von denen ist nichts weiter als Hänschen Klein, unfähig eigenständig zu denken, unfähig zu reflektieren und unfähig neue Verknüpfungen im Hirn zu bilden. „Monster“ wäre sowieso zu nett für Nazis.

„Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiter wuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“
(Hannah Arendt, aus „Über das Böse“)

Sei kein Monster, sei radikal!

Schalom,
Hannah Kant

Quellen:
[1] http://www.judentum-projekt.de/geschichte/nsverfolgung/gesetze/
[2] https://www.deutschlandfunk.de/judenverfolgung-europaeischer-antisemitismus1880-1945.1310.de.html?dram:article_id=379815
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Volkenrath
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Eichmann-Prozess
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Personal_im_KZ_Auschwitz

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