Rechtsruck: Der Verlust von Menschlichkeit

Der weltweite Rechtsruck, der sich in vielen westlichen Demokratien abzeichnet, offenbart eine verstörende Entwicklung: Menschen scheinen zunehmend asozialer, intoleranter, unsolidarischer und sozialdarwinistischer zu handeln und zu denken. Diese Tendenzen spiegeln sich nicht nur in der Rhetorik, sondern auch in den politischen Entscheidungen wider, die rechte Parteien und Bewegungen vorantreiben. Wir erleben zur Zeit einen schrittweisen zivilisatorischen Rückschritt in den Sozialdarwinismus.

Rechte Politik basiert häufig auf dem Prinzip des „Survival of the Fittest“. Schwächere Mitglieder der Gesellschaft – ob sozial Benachteiligte, Minderheiten oder vulnerable Gruppen – werden systematisch marginalisiert. Sozialleistungen werden gekürzt, Migration wird kriminalisiert, und Solidarität wird durch eine Politik des Nationalismus ersetzt, die die eigene Bevölkerung über alles stellt. Dieses Denken fördert Unmenschlichkeit, weil es auf Abgrenzung, Ausschluss und Spaltung setzt. Statt den Wert des Einzelnen zu betonen, werden Menschen in Kategorien wie „nützlich“ oder „unnütz“ eingeordnet.

Ein weiterer beunruhigender Aspekt des weltweiten Rechtsrucks ist die massive Verschiebung des sogenannten Overton-Fensters – der Bandbreite an Ideen und Meinungen, die in der Gesellschaft als akzeptabel und diskutierbar gelten. In den letzten Jahren, besonders seit der Coronapandemie, hat sich dieses Fenster durch die extreme rechte Propaganda im Internet drastisch nach rechts bewegt. Begriffe und Positionen, die früher als radikal oder inakzeptabel galten, sind heute Teil des politischen Mainstreams. Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung sind dadurch wieder salonfähig geworden.

Rechte Akteure nutzen soziale Medien und Plattformen wie Telegram und TikTok, um mit geschickter Propaganda Angst und Hass zu schüren. Sie verbreiten Verschwörungserzählungen, stellen Minderheiten als Sündenböcke dar und spielen mit der Unsicherheit der Menschen in Krisenzeiten. Diese permanente Wiederholung rechter Narrative normalisiert nicht nur menschenverachtende Positionen, sondern verschiebt auch die gesellschaftliche Wahrnehmung dessen, was als „legitime“ Meinung gilt. Wer sich heute gegen Rassismus oder Diskriminierung stellt, wird von dieser neuen Rechten oft als „überempfindlich“, „linksgrün“ oder gar als „Feind der Meinungsfreiheit“ diffamiert.

Diese Verschiebung des Diskurses ist hochgefährlich, weil sie einerseits rechte Ideologien enttabuisiert und andererseits progressive und humanistische Werte delegitimiert. Wenn die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren immer weiter nach rechts verschoben werden, öffnen wir die Tür für eine Politik der Entmenschlichung und Spaltung. Es ist dringend notwendig, dem etwas entgegenzusetzen, bevor diese Dynamik unumkehrbar wird.

Ein besonders perfides Beispiel für diese Unmenschlichkeit ist die Haltung gegenüber Geflüchteten. Anstatt die universelle Pflicht zur Hilfeleistung anzuerkennen, wird auf Abschottung und Angst gesetzt. Menschen, die vor Krieg, Armut oder Verfolgung fliehen, werden nicht als Individuen mit Rechten und Träumen gesehen, sondern als Bedrohung. Diese Entmenschlichung ist das Fundament rechter Politik.

Im Kontrast dazu steht eine linksliberale Politik, die auf Solidarität, Menschlichkeit, Toleranz und Weltoffenheit baut. Linksliberale Werte erkennen an, dass die Stärke einer Gesellschaft in ihrer Fähigkeit liegt, die Schwächsten zu schützen und Chancengleichheit zu schaffen. Anstatt soziale Ungerechtigkeit zu verschärfen, zielt linksliberale Politik darauf ab, Brücken zu bauen: zwischen Kulturen, zwischen Arm und Reich, zwischen Individuen und Gemeinschaften.

Toleranz und Vielfalt sind keine Bedrohungen, sondern Bereicherungen. Eine offene Gesellschaft erkennt an, dass unsere Menschlichkeit durch Mitgefühl und Zusammenarbeit definiert wird, nicht durch Ausgrenzung. Eine Politik, die Menschen fördert, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder ihrem sozialen Status, ist nicht nur moralisch überlegen – sie ist auch die Grundlage für eine funktionierende Demokratie.

Der Rechtsruck bedeutet eine Abkehr von diesen Prinzipien. Er ist ein Symptom für eine tiefere gesellschaftliche Spaltung, die durch Angst, Ignoranz und Propaganda befeuert wird. Aber wir haben die Wahl: Wollen wir uns von den Werten der Solidarität und Menschlichkeit verabschieden, oder kämpfen wir für eine Welt, in der jeder Mensch zählt?

Die Entscheidung liegt bei uns allen. Die Geschichte zeigt, wohin rechte Ideologien führen: zu Unterdrückung, Leid und Zerstörung. Es ist an der Zeit, dass wir uns aktiv für eine Politik einsetzen, die für das Leben steht – nicht für die Spaltung.

Deshalb appelliere ich an jeden: Wählt die Grünen für eine Gesellschaft, die zusammensteht. Für eine Gesellschaft, die stolz auf ihren Sozialstaat ist. Eine Gesellschaft, die tolerant, solidarisch und menschlich ist. Zusammen sind wir stärker. Immer.

Felix Jungbluth

Titelbild von Alexa auf Pixabay

Hinterlasse einen Kommentar