Inflation und Ketchup – Ein Gastkommentar

„Diese neue Wortschöpfung ist der Versuch, durch einen neuen Begriff wie „Ketchup-Effekt“ davon abzulenken, dass die Ökonomen von der aktuellen Inflationsentwicklung überrascht worden sind“.

Wenn über Inflation gesprochen wird, dann muss immer klar sein, über welche Inflation bzw. Inflationsrate gesprochen wird. Reden wir über die in Deutschland, die in der Europäischen Gemeinschaft (EU) oder die in Amerika?

Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) über Inflation redet, dann meint sie immer die Höhe der Preissteigerung (Inflation) im Euro-Währungsraum mit seinen 17 Ländern insgesamt, also nicht die Inflationsrate in Deutschland, das ja nur ein Teil von Europa ist.

Wir reden jetzt über die Inflation in Deutschland.

Die Preise in Deutschland steigen rapide. Fast schon kann man sagen, einige von ihnen galoppieren. Die Inflationsrate stieg nach Angaben des statistischen Bundesamtes im November 2021 um 5,2%, im Oktober um 4,5% gegenüber dem jeweiligen Monat im Jahr 2020. Wir merken es alle: Einzelne Produkte wie Brot, Gemüse oder Benzin und Heizöl haben sich noch mehr verteuert als die durchschnittliche Inflationsrate. Die Inflation vernichtet den Geldwert von unseren Einkommen, Löhnen, Gehältern und Renten, noch ehe wir etwas davon ausgeben können. Die Kaufkraft „schmilzt wie der Schnee im Sommer“.

Die hohen Preissteigerungen führen zu der Frage: Haben wir es mit einem Versagen der Politik zu tun?

Nein, wir haben es nicht mit einem Versagen der Politik zu tun. Steigende Preise und niedrige Zinsen sind gewollt. Denn nur so konnte CDU-Schäuble in der Vergangenheit seinen Bundeshaushalt in Richtung „Schwarze Null“ sanieren, ohne auf weitere Staatsausgaben verzichten zu müssen. Viele Regierungen in Europa nutzen denn auch den Vorteil, dass ihre Staatschulden durch eine steigende Inflation immer weiter abnehmen. Dass Preissteigerungen gewollt sind, das sieht man auch daran, dass die EZB, deren Aufgabe es ist, in Europa die Preisstabilität sicherzustellen, diese Preisstabilität definiert als eine Inflation in Höhe von etwa 2 Prozent pro Jahr. Dabei denkt doch jeder normale Bürger: Preise sind dann stabil, wenn es keine steigenden Preise gibt. Die Inflationsrate also bei null Prozent liegt.

Die Politik der EZB hat jahrelang funktioniert. Nun aber droht die Inflation „aus dem Ruder“ zu laufen. Einen Preisanstieg um 5 Prozent, das hat es zuletzt so vor etwa dreißig Jahren gegeben.

Vor diesem Hintergrund sehen sich viele Politiker, insbesondere aber viele Ökonomen, die sog. Wirtschaftsweisen oder die Vertreter der Zentralbanken, gezwungen die Situation mit ihren Auswirkungen herunterzuspielen: Es sei doch alles nicht so schlimm. Die Geldentwertung sei doch nur von vorübergehender Natur. Doch die Preise werden nicht freiwillig wieder zurückgehen. Das ist eine Lebensweisheit.
Sie alle müssen erklären, warum ihre Politik nicht mehr funktioniert. Aber sie können es nicht wirklich. Ihre Theorien und Modelle haben sie nicht vorgewarnt. Deshalb reden sie jetzt vom „Ketchup-Effekt“. Gemeint ist damit der Ketchup in einer Ketchup-Flasche, der nach dem Schütteln auf einmal aus der Flasche herausspritzt. Genauso unkontrolliert steigen jetzt die Preise. Das soll alles entschuldigen. Tut es aber nicht.

Diese neue Wortschöpfung ist der Versuch, durch einen neuen Begriff wie „Ketchup-Effekt“ davon abzulenken, dass die Ökonomen von der aktuellen Inflationsentwicklung überrascht worden sind.

Die Ökonomen sind sich auch nicht darüber einig, wie die Inflation in Deutschland gebremst werden kann. So hat Christine Lagarde kürzlich bei einer Anhörung im Europaparlament Sätze gesagt wie diesen: „Wir versuchen, der Inflation auf den Grund zu gehen und wirklich zu verstehen, was sie antreibt“.1 Allein das Wort „versuchen“ zeigt deutlich, dass Lagarde mit ihrer EZB die Situation nicht im Griff hat.

Christine Lagarde ist seit November 2019 die Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Sie ist damit die Hauptverantwortliche für die inflationäre Geldpolitik der EZB und deren Auswirkungen und Folgen auf uns alle.

Lagarde hat seit ihrem Amtsantritt schon mehrere Flaschen Ketchup aufgemacht. Eigentlich müsste sie doch … daraus etwas gelernt haben.

Peter Banko, 30.12.2021

1 Zit. nach Andreas Körner, Focus Money, 24. November 2021, Nr. 48., S. 6-12.

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